Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur MassaHschen Allgemeine» Zeitung.
Är. 287 Dienstag den 6. December /m*.
Die Eeisterbeschwörer in Berlin.
(Schluß.)
Mir verschaffte die Empfehlung unseres Collegialprästden- ten und seine Gewogenheit für meinen Vater durch eine Wahl unter vielen Candidaten die Stelle eines Reisearztcs bei einem hochadeligen Standesherrn , welcher mit einem Ueberflnß an Geld, Trägheit, Langeweile und Einbildungen schrecklich geplagt war. In seinem Dienste oder vielmehr im Dienste der eingebildeten Uebel, mit welchen er sich quälte, verbrachte ich mehrere Jahre' und machte dabei die Rundreise durch ganz Europa, indem wir in jeder bedeutenden Stadt einen bis sechs Monate lang verweilten. In allen Hauptstädten fand ich, aber eher zufälligerweise als durch Erkundigungen, Spuren von den beiden wunderbaren Frauen aus dem alten Hause in der Markgrafenstraße auf. In Rom waren sie als Wunderthäterinneu, in Paris als Wahrsagerinnen aufgetreten; in Wien hatten sie Heilmittel verkauft. In St. Petersburg hatten sie sich ebenfalls mit Kuren abgegeben und dabei mit der Bereitung und dem Verkauf höchst wirksamer Arzneimittel große Summen erworben. In London hatte der Mesmerismus ihnen einen Vorwand für die geheim nißvolle Wirksamkeit leihen müssen. Ueber ihre frühere Lebcnsgefchichte konnte ich nichts Zuverlässiges in Erfahrung bringen; Gerüchte wollten wissen, die beiden Frauenzimmer seien einst als Novizen in einem el- säßischen Kloster gewesen; Frau v. Krüdener habe sie aus Rußland mitgenommen und auf ihren späteren Reisen dort untergebracht. Die wundersamsten Geschichten von ihren merkwürdigen Künsten in den genannten Fächern und Fähigkeiten waren in allen großen Städten in Umlauf und sind, so viel ich weiß, dort auch jetzt noch nicht ganz verschollen; keine aber schien sowohl bewiesen und authentisch, wie der Fall, welchen ich selber erlebt hatte.
Ich war schon acht Jahre in dem Dienste meines reichen mißvergnügten hochadeligen Brodherrn gewesen, als demselben die Laune beikam, seinen Aufenthalt im ältesten und engsten Stadttheil von Straßburg zu nehmen. Eines Abends, als . ich aus dem Theater nach Hause ging, fiel mein Blick in
einer stillen kleinen Gasse auf den Schild einer Tabakshandlung. Mein Rauchtabak war mir gerade zu Ende gegangen und ich trat hinein, um meinen Vorrath von diesem Lieb- lingskraute zu erneuern. Die Frau hinter dem Ladentische hatte ein Gesicht, das mich bekannt und wie eine alte Erinnerung anheimelte. Es war die ehemalige Magd jener Geisterbeschwörerinnen aus der Markgrafenstraße; sie schien mich ebenfalls zu erkennen und wir blickten einander eine Weile betroffen an. Sie schien mir etwas mittheilen zu wollen, was ihr nicht recht über den Mund wollte; und gerade in dem Augenblick, wo sie sich zu redeu anschickte, trat ein Unteroffizier in den Laden, der sie vertraulich beim Namen Gretchen begrüßte und sich bei ihr erkundigte: ob sie nichts von dem Neffen des alten Pitrowski wisse, der früher da drüben in der Straße gewohnt?
„O ja," versetzte die Alte kaltblütig; „er ist zu seinen Verwandten nach Preußen gegangen; die haben ihn studiren lassen und ist nachmals ein berühmter Doctor in St. Petersburg geworden."
„Ist er noch dort?" fragte der Soldat.
„Wie kann ich das wissen! die vornehmen Leute sagen mir nicht, wohin sie gehen und was sie thun und treiben!" gab die Alte mit jenem kalten, höhnischen Lächeln zur Antwort, das ich so oft an Pitrowöki bemerkt hatte.
Ich nahm meinen Tabak und Cigarre und ging; aber ein seltsamer Drang lockte mich oft in diese Gegend der Stadt und trieb mich immer an, eine Frage an jene Frau zu stellen, die der Soldat Grelcheu genannt hatte. So oft ich an diesem Laden vorüberging, sah die Alte jedesmal ängstlich und neugierig heraus und zog sich dann wieder zurück, als , ob sie mir etwas zu sagen wünschte und doch nicht recht den Muth dazu hätte. Ich konnte diesen Gedanken nicht los werden und trat mehrmals unter verschiedenen Vorwänden in den Laden, allein immer vergebens — die Alte schien mich nicht erkennen zu wollen. Endlich einmal bei meinem letzten Besuch in ihrem Laden am späten Abend, hatte ich schon beinahe das Ende des Gäßchens erreicht, und eS war außer mir keine Seele aus der Straße, als plötzlich hastige Schritte hin-