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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 285 Samstag den 3 December /m.

Die Geisterbeschwörer in Vertin

(Fortsetzung.) S

Unser nächster Versammlungsabend war erst der des Mon­tags; allein mehrere Tage nach jenem Vorfall bemerkte ich eine gewisse Veränderung in Hermann's Zügen, die auf eine geistige Unruhe deutete. Am Freitag Abend saß ich in mei­nem Stübchen und überlas mir Humboldt's erste Vorlesung, als an meine Thüre gepocht wurde und auf meinHerein" der Baron Hermann in's Zimmer trat. Zu meinem Er- staunen war er als Handwerksbursche verkleidet und trug ein Bündel unter dem Arme.

Wilhelm," sagte er, ehe ich ihn um den Grund dieser Verkleidung befragen konnte,Wilhelm, Du mußt mit mir gehen, ich habe hier eine ähnliche Vermummung für Dich in Bereitschaft!"

Und wohin willst Du?" fragte ich.

Nach dem alten Haus in der Markgrafenstraße," ver­setzte er.Ich will mir einen Spaß mit den beiden Geister­beschwörerinnen machen. Pitrowski hat mir, glaube ich, die erste Idee dazu eingegeben, aber ich kann die Sache nicht aus dem Kopfe bekommen und will es nun auf einen Ver­such ankommen lassen. In dieser Vermummung wird uns Niemand erkennen und ich habe mir ein famöses Probestück für die sogenannten Hexenmeisterinnen ausgedacht. Ich spiele den trostlosen Leidtragenden, Du meinen Tröster; Beide sind wir natürlich Bautischlergesellen, und der Zweck unseres Be­suches ist, den Geist meines hartherzigen Bruders Robert zu sehen, der es im französischen Feldzuge bis zum Major ge­bracht aber mich verstoßen hat, und der nun gestorben sein soll! Wie wird mein Vetter Robert lachen, wenn ich ihm die Geschichte erzähle, und was für einen Kapitalspaß wird es abgegeben, wenn wir in unserem nächsten Kränzchen den Anderen unser Abenteuer erzählen? Daß muß auch dem Glâu- bigsten die Augen öffnen!"

Der Vorschlag gefiel mir ausnehmend und ich warf mich rasch in die von Hermann mitgebrachten Kleider. In einigen Minuten waren wir junterwegs. Hermann hatte aus dem

Salon seiner Mutter ein kleines, aber sprechend treues Mi­niaturportrait seines Vetters mitgenommen nnd zehn blanke Thaler die gewöhnlichen Erfordernisse einer solchen Si­tzung. Es war mitten im Winter und grimmig kalt, so daß das Berliner Pflaster unter unseren Füßen wie Eisen klang. Vom Tburm der Nicolaikirche schlug es acht Uhr, als wir in die Markgrafenstraße traten, welche schon ganz still und öde war, denn die Läden und Gewölbe waren längst geschloffen und kein Mensch in der Straße zu sehen. Auch das alte Haus war finster und wie ausgestorben. Es hallte ordentlich gespenstig durch das Haus, als wir klingel­ten ; und ohne uns lange warten zu lassen, ward die Thüre von einer Magd geöffnet, die eine Kerze in der Hand trug. Diese Magd war eine kräftige stämmige Gestalt mittlerer Größe, mit dunkelgrauem Haar und einem stieren, beinahe stumpfsinnigen Blick, der ihr Aussehen beinahe abstoßend machte. Dennoch war der Gesammteindruck, welchen sie aus mich hervorrief, von der Art, daß ich ihn lange nicht los­werden konnte.

Als wir der Magd mitgetheilt, daß wir uns mit ihren Damen berathen wollten die übliche Formel bei solchen Besuchen, führte sie uns über einen langen Flur in ein Hinterzimmer mit drei Thüren, worin wir außer einer prâch- tigen auf dem Tische brennenden Lampe nur Hausgeräthe der gewöhnlichsten Art fanden. Wir hatten kaum Zeit gehabt, diese Wahrnehmungen zu machen, so traten die Geisterbe­schwörerinnen durch zwei verschiedene Thüren ein. Sie wa­ren beide in den Vicrzigen wie weit, kann ich nicht sa­gen; aber Beide hatten schon graues Haar und trugen sich einfach ohne den mindesten Versuch der Vermumurung. Beide zeigten noch Spuren früherer Schönheit, aber von ganz ver­schiedener Art, die Eine war übermäßig blond, die Andere übermäßig brünett gewesen. In ihren Zügen lag nicht die mindeste Aehiilichkeit oder Verwandtschaft; sondern Beide wa­ren hochgewachsene hagere Frauen, deren Anzug zwar weder seltsam und ungewöhnlich, noch altmodisch, in trüben düsteren Mißfarben gewählt und nachlässig angelegt war; ihr Blick hatte etwas Finsteres, Stechendes, als wenn es ihnen im Le«