Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 283 Vonuerstag Sen 1. December /ss».

Die Geisterbeschwörer in Berlin.

Erzählung.

In meinen Studentenjahren, die ich theilweise auf der Universität Berlin verbrachte, lernte ich einen Studiengenossen kennen , welchen ich hier mit seinem Taufnamen H c r m a u n bezeichnen will. Sein Vater war ein adeliger Gutsbesitzer in Preußen, seine Mutter eine geborne Französin von guter Abkunft, deren Familie während der ersten Revolution aus- gewandert war. Durch seine beiden Eltern war -er mit den besten Familien in Berlin und Paris verwandt. Ucberdem war Hermann der einzige Sohn und der präsumtive Erbe der beträchtlichen Güter seines Vaters in Schlesien. Hübsch, leb­haft, klug und gewandt wie er war, hatte ihm von der Wiege an nur das Glück gelächelt und das Schicksal hatte Alles an ihm verschwendet, was nur günstige äußere Verhältnisse und elterliche Liebe thun konnten, um ihn zu verwöhnen. Hermann war etwas eitel und selbstvcrtrauend, dabei aber ein höchst ehrenhafter Character, ein fröhlicher guter Gesellschafter und ein fleißiger Student, welchem vermöge seiner Gaben und Kenntnisse noch eine schöne Zukunft offen stand. Unter den Studenten spielte er eine angesehene Diode, denn sein Witz und munterer Geist machte ihn nicht nur zum beliebten An. sichrer bei Veranstaltung einer fröhlichen Festlichkeit, wie sein ehrenhafter Sinn zum geachteten Secundanten bei einem Duell (obschon die strenge Berliner Polizei damals die Duelle seltener und gefährlicher Machte, als auf anderen deutschen Universitäten-, so kamen doch zuweilen solche unter uns vor) sondern sein Ansehen in der höheren Gesellschaft und .bei den Professoren sicherte ihm auch in weitern Kreisen Einfluß. Bei all seinen Duellen war Hermann immer gut weggekommen; aber dennoch wollten manche unserer Stukiengeuosse» beweist haben, daß des jungen Mannes Festigkeit unk Thatkraft nicht so groß waren, wie sein Muth, daß sein Geist nach jedem heftigen Anstoß von Außen nicht schnell genug wieder ins Gleichgewicht kam, und daß er einen ziemlich schwächlichen Körperbau von seinen Eltern überkommen hatte, obwohl sein frisches blühendes Aussehen nicht auf Krankheit schließen ließ.

Hermann hatte einen Vetter, Namens Robert, den Sohn eines Barons, der einige Jahre älter war und als Major in einem preußischen Regimente stand. Dieser hatte eine merkwürdige Ähnlichkeit mit meinem Studiengenossen, nur war der Major größer, kräftiger, von einer männlicheren, kriegerischen Schön­heit. Robert war nicht minder gesellig, gescheidt und weltge­wandt, nicht minder beliebt als sein jüngerer Vetter; allein man sah ihn doch nicht gerade i» allen Kreisen gerne, denn seine Fröhlichkeit artete in Liederlichkeit aus, sein Witz war bitterer SarkasmuS. Die beiden Vettern standen nicht gerade in sehr vertranten Beziehungen zu einander, allein Robert übte einen auffallenden Einfluß auf Hermann aus, der dem stär­keren Vetter stets unwillkürlich oder beinahe willenlos nach- gab. Ich glaube nicht, daß es der Einfluß Robcrt's auf seinen Vetter war, welcher mir die Ueberzeugung aufkrang, daß der Major kein passender Umgang für Herrmann sei; Baron Hermann und ich waren zwar genaue Bekannte, aber eine eigentliche enge Freundschaft herrichte nickt zwischen nnS Beiden. Außerhalb dem Kreise des Studeutenlebens gin­gen unsere Wege auseinander; ich konnte mich nicht in den­selben geselligen Kreisen bewegen wie er, denn ich war nicht von Adel; aber es gefiel mir doch nicht, daß der über- sprudelnde Major Hermaun's steter Begleiter war, weil er nämlich beinahe die Hälfte des Winters auf Urlaub in Ber­lin verlebte und in dem Hause von Hermaun's Vater, einem stattlichen Gebäude in der Fückrichsstadt wohnte. HcrmanN's Vater machte ein großes Haus in Berlin; alle Arten von Zeitvertreib, Tanz und Spiel waren dort in fortwährendem Betriebe. Ganz Berlin sprach bewundernd von den Diens­tags-Abenden, wo der Baron offenes Haus gab, und von seinen Sonnabend Bällen, auf welchen namentlich Robert im Damenkreise glänzte. Außerdem war aber der Major auch häufig in den Kaffeehäusern, Konditoreien, Theater und an­deren minder achtbaren öffentlichen Orten zu treffen. Her- mann war zu einsichtsvoll und zu ehrenhaft, um nicht die moralischen Schattenseiten im Character seines Vetters zu durchschauen; allein er folgte auch darin dem großen Troß seiner Bekannten aus jenen Gesellschaftskreisen, daß er de«