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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 277 Dvnuersiag den 24. November iss».

Der Mensch deyki s, Sott lenkt's.

Eine schwäbische Familiengeschichte.

(Fortsetzung.)

Wilhelms Bestimmung.

So ernstlich sich Papa Wezler jetzt mit dem Gedanken an Wilhelms Zukunft beschäftigte, so wollte sich doch lange kein entschiedener Wink zeigen, wozu dieser bestimmt sei; zunb Philosophen oder Demokraten allenfalls, denn aufs Zerstören, Umwerfen, Einreisen verstand er sich meisterlich, zeigte auch ohne alle Anleitung schöne Gaben zum Barricadenbau mit Schemeln, Bauhölzern und hauptsächlich mit Büchern, worin er wirklich feiner Zeit voranschritt. Da dieß alles aber eben kein nutzbringendes Gewerbe ist, so konnte Herr Wezler nicht schlüssig werden, und er äußerte manchmal, übereilen wolle er nichts, aber so eine lange Ungewißheit sei wirklich peinlich.

Endlich wurde Wilhelm noch ganz bestimmungsloser ABCschütz ; als derselbe aber schon im ersten Schuljahr ent­schiedenes Talent zum Zählen und Rechnen zeigte, fühlte end­lich Herr Wezler große Erleichterung: zum Kaufmann war der Wilhelm bestimmt, jetzt war's am Tag! Er erstand auch noch am selbigen Tag ans dem Nachlaß eines verstorbenen Präceptors einen alten Cvmpaß, da sein Sohn doch als Kaufmann ohne Zweifel Seereisen zu machen hatte, und den ganzen Abend erging er sich mit seiner Frau, die in ihrer ge­wöhnlichen freundlich schweigsamen Weise zuhörte, in Planen für Wilhelms Zukunft.Und dem armen Schelm, dem Adolf, wirds auch recht gut kommen, wenn er einen Kaufmann als Bruder hat; Pfarrer sind gar unpraktische Leute und werden oft angeführt, da kann der kleine die Augen für ihn offen haben, seine Einkäufe besorgen. Und so einer Wiudfuchtel von reisendem Kausmann kommls dann wieder gut, wenn ihn ein gesetzter Bruder Gottes Wort nicht vergessen läßt. Ja, ja, so ist's cjut!"

Nun ist freilich noch allerlei vorzuberciten," begann er von neuem,denn zu einem eigenen Etablissement reicht's von [unfern Mitteln nicht; man muß jetzt recht mit Ernst '

auf eine gute Partie für den Buben denken; hörst du, Frau?" Freilich," entgegnete diese ruhig, ich zweifle nur, ob sie schon geboren ist."

Weitere Plane und Sorgen für die Zukunft, schienen Herrn Wezler zunächst erspart zu bleiben. Adolf und Wil­helm blieben die einzigen Sprossen seines respectablen Hauses, und zu seiner großen Freude schienen auch ihre natürlichen Neigungen die Knaben auf dem Weg vorwärts zu führen, für den sie nun bestimmt waren, wozu wohl die stille Leitung der Mutter das ihrige beitragen mochte. Adolf war ein ernster fleißiger Kuabe, der seinem lateinischen Argument stets so viele Disticha anhängte, daß der Lehrer genöthigt war ihn auf eine bestimmte Zahl zu beschränken. Die Geschichten aus der schönen Bilderbibel, die ihm der Vater angeschafft hatte, wußte er so lebendig uud anschaulich zu erzählen, daß der Vater seinen Freund und Nachbar, den Herrn Butzengciger, versicherte:der könnte heute schon die Kanzel betreten."

Wilhelm bekam zu de» ersten Weihnachten, nachdem sein Beruf entschieden war, einen niedlich eingerichteten Kaufladen. Nachdeni er, etwas minder kanfmännisch, Zucker, Mandeln und Rosinen ans demselben rein anfgegesfen hatte, begann er mit Kaffeebohnen, Reis und Grüze ein recht geordnetes Ge­schäft, dessen Betrieb der Vater mit Herzenslust zusah. So streng dieser sonst auf Treue und Redlichkeit hielt, er konnte doch ein vergnügtes Schmunzeln nicht unterdrücken,. als Adolf den Bruder verklagte, der ihn in einem Handel mit Weih­nachtsbackwerk übervorteilt, und ihm eine altbackene Kringel gegen einen Pfefferkuchen aufgeschwatzt habe:Barbiert wahr­haftig den alten Kerl, den Adolf über den Löffel! Ja, ja, dem muß man aufpaffen!"

Weitere Aussicht.

Nicht zu lange nach diesem vielversprechenden Weihnachts­tage hatte Herr Wezler eine Reise auS sehr unangenehmen Ursachen zu machen. Ein Vetter seiner Frau, ein Kaufman», war mit Hinterlassung einer bedeutenden Schuldenmaffe nach America entflohen, und Herr Wezler, das respectabelste Fami« lienglied, sollte als Vertreter des einzigen Kindes die ver-