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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zue Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 270

Mittwoch den 16. November

1853.

Der Sohn des Paria.

Ein Sittengem âldc auS Ostindien.

(Fortsetzung.)

Tollar unterzog sich willig seinen neuen Amtsverrichtungen, bat es sich aber als eine besondere Gnade aus, noch nach wie vor für das Vogelhaus der Miß Eva sorgen zu dürfen. Er hatte die Zahl seiner Bewohner allmâhlig vermehrt und es mit Bäumen, Sträuchern, Pflanzen, Springbrunnen und der­gleichen Dinge mehr, geschmückt, so daß es eine der Sehens­würdigkeiten von Calcutta und der Liebllngszeitvertreib der Miß Dumfries wurde. Hier verbrachte sie die besten Stunden Les Tages, sog den Duft der Blumen ein, plauderte mit ih­ren Vögeln, begleitete deren Gesang mit noch lieblicheren TL-. nm. In Lieser blüthenreichen, vom Gezwitscher der Vögel belebten Arche, worin die Schöpfung all' ihre unschuldigen Reize vereinigt zu haben schien, vergaß sie ganz der Welt, deren geschäftiges Gewühl und Wogen nicht in diese stillen Räume drang.

Tollar war ein stummer, geheimer und entzückter Zeuge dieses friedlichen Glückes. Seit er seine Mutter verloren hatte, war Miß Eva das einzige Ziel all' seiner Gedanken und Handlungen. Von ihr allein kam für ihn Traurigkeit oder Freude; sie war zu gleicher Zeit all' seine Gegenwart und Zukunft. Wer kümmerte sich auch sonst um ihn? Wer außer ihr hätte seiner sich angenommen? Verdankte er cs nicht Miß Eva, daß er nun lebte wie ein Mensch, während der Zufall seiner Geburt ihn verdammte, zu leben wie ein stumpfes Thier? Hatte nicht sie allein ihm die Familie er­setzt? Zuweilen gedachte er noch der fast unverständlichen Weisung, welche seine Mutter im Augenblicke ihres Todes ihm gegeben hatte, und der halben goldenen Rupie, die er noch immer um den Hals trug, und an den Tadin Kallu, dessen Mittheilungen sein Schicksal anders gestalten würden. Mein Nachforschungen, die er angestellt hatte, um diesen Letz- Leven aué füllig zu machen, waren vergeblich gewesen, und Tollar war wachgerade mit sich selbst im Zweifel, ob er Ir- rady'S letzte Worte wirklich für einen durch den Tod unter­

brochenen Versuch einer wichtigen Mittheilung, oder als eine zusammenhangslose thörichte Eingebung des Todeskampfes betrachten solle.

5.

Eines Abends hatte Doctor Dumfries dem jungen Hindu den Auftrag gegeben, Band» die Handschrift etnes indischen Gedichtes zurückzubringen, welches demselben gehörte. Tollar machte sich auf den Weg nach der sogenannten schwarzen Stadt und erreichte das Onartier, wo die reichen BäbuS (indostanische Edelleute) wohnen, an dessen Ende sich die Wohnung deS Kaufmanns befand. Er war «och weit von der letzteren entfernt, als die Töne eines indischen Orchesters an seine Ohren drang. Er erkannte dm Ton einer Art von Vialozicell, daS bei den Hindu's Sarengnp heißt; ferner des Machassarana oder Obo«, im Verein mit denen des Turti oder Dudelsacks, der Wina (Guitarre), der Schellentrommel (hoëzah) und die dumpfen Schläge der gewaltigen Galchank- Trommel, bei deren Klang die Häuser zitterten, und die man daher auch nicht ohne besondere polizeiliche Erlaubniß rühren darf.

Tollar Hegriff, daß Bandu etlichm Freunden zu Ehren ein häusliches Fest gebe, und saud in der That auch, daß das Haus des Kaufmanns offen stand, wie zur Zeit des Durgu Pudschah *), und die Diener harrten im Empfangs- zimmer der ankommenden Gäste und besprengten sie mit Ro­senwasser. Tollar hatte noch niemals ein derartiges Fest ge­sehen, und machte sich daher die Gelegenheit zu Nutze, um unter dem Schutz der bei allen derartigen Festlichkeiten Herr­schenden Unordnung sich dem großen Saale zu nähern, worin sich die gebetenen Gäste befände«, und iu welchen man durch die halbgeöffnete Thür hineinblicken konnte. Das Festgemach war ganz mit Seide auSgeschlagen, von Säulm von Stucco getragen und hatte im Hintergruude eine vergitterte Gallerte, von wo aus die Frau dem Feste zusehen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Die Ramdschinih's hatten soeben ihre

*) Eine Art Carneval, der vom 7-10. October im Hriwu-Bier, I tel von Calcutta gefeiert wird, und während dessen die WohlMUgtU 1 der reichen Kaufleute jedem AnständiMekleideten offen stehen.