Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Kr. 263 Dienstag den 8. November /ss».
Der Sohn des Paria.
Ein S i t t e n g e m ä l d e a u S Ostindien.
1.
Unter den zahllosen religiösen Festen der Hindu's mißt sich keines an Pracht mit denjenigen, welche zu Ehren der Gottheit Dschaggatnatha oder Dschaggernat in dem Flecken gleichen Namens (die Engländer schreiben ihn nach ihrer Aussprache Juggernat) gefeiert werden, einem sonst unbedeutenden Städtchen zwischen Lalcutta und Pondichery, auf dem Wege von Orissa. Das ganze Gebiet der Umgebungen dieses Ortes, auf zehn Stunden in der Runde, gilt für heilig. Eine viereckige Umfassungsmauer schließt ungefähr fünfzig Tempel oder Pagoden ein, die dem Gott Dschaggernat oder seiner Familie gewidmet sind und deren größter wohl den meisten unserer Leser durch häufig verbreitete Abbildungen bekannt ist. Er hat eine Höhe von etwa 70 Brabanter Ellen und ist auf allen seinen Flächen mit seltsamen Figuren bedeckt. In diesem Tempel befindet sich die Bildsäule des Götzen Dschaggernat, einer plump in Holz nachgebildeten menschli. chen Gestalt ohne andere Glieder als Armstümpfe, an welchen die Sraminen bei gewissen Gelegenheiten goldene Hände befestigen. Von Zeit zu Zeit wird das Götzenbild erneuert und die Priester müssen alsdann zu diesem Behufe im Walde einen Baum aussuchen, welchen noch niemals ein Raubvogel berührt hat. Aus dem Holze desselben bauen sie alsdann eine neue Bildsäule, in welche sie den Geist der alten übertragen.
Der Tempel Dschaggernat's enthält viertausend Familien von Priestern und untergeordneten Dienern des Götzeudien- stes, unter welchen sich nur allein hundert Töpfer und fünfzig Köche befinden, welche die Speisen bereiten müssen, welche man an die Pilger verkauft, denn die Priester besitzen das beinahe ausschließliche Monopol, diese letzteren zu verpflegen und erzielen dasselbe namentlich durch das Vorgebeu: die im Tempel bereiteten Speisen haben vor allen anderen den Vorzug, daß sie durch keine Berührung entweiht oder beschmutzt. werden könnten. Denn bekanntlich glauben die Hindu's, die ,
Berührung eines Muselmanns oder eines Christen reiche hin, um eine Speise unrein zu machen.
Man feiert jährlich zwölf Feste in Dschaggernat, allein das höchste und berühmteste ist das der Rath-Dschettra, welches gegen Ende des Monats Juni gefeiert wird. Die Feier dieses großen Festes, welche sich schon zu ihrem Ende neigte, bildet den Zeitpunkt und Schauplatz, innerhalb deren wir unsere Geschichte anheben.
Der große Rath oder Karren mit sechszehn Rädern, der das Standbild Dschaggernat's trug, hatte seine Runde gemacht und fuhr wieder nach dem Tempel zurück, gefolgt von den beiden kleineren Karren, welche die Götzeirbilder von Dschaggernat's Vater Boloram und seiner Schwester Shabu- tra trugen. Alle. drei wurden gezogen von Hunderten von Menschen, welche grüne Zweige in den Händen trugen und in gleichem Takte liefen, den Kopf nach den Götzenbildern zurückgewandt. Hinter den Karren zog der Radfchah von Kurdah einher mit seinem Heer von Elephanten mit ihren bunten Kudah's oder Palankinen anf dem Rücken und die zahllose Menge der Pilgirme stürzte von allen Seiten herzu, um den Göttern Geldstücke oder Pagoden oder Kokosnüsse zuzuwerfen, oder um den heiligen Wagen zu schieben , oder um sich unter seine massigen Räder zu legen und, von ihnen zermalmt, mit dem Blick nach dem heiligen Bilde gewandt, zu sterben. Eine wilde aberwitzige Begeisterung hatte sich unvermerkt dieser Menge bemächtigt, welche die Ebene bis zum Horizonte bedeckte und einen ewig wogenden Ocean von Menschenköpfen bildete. Zuweilen tönte Jammergeschrei von zertretenen oder erdrückten Weibern und Kindern aus der Menschenmenge, allein es ward erstickt vom Schmettern der silbernen Trompeten der Brahminen, oder übertönt vom Brüllen der Elephanten, dem Geschrei der Pilger und dem Gejauchze der Fakire.
Endlich hatten die drei heiligen Wägen die Mauern des Tempels erreicht und verschwanden den Blicken der Menge. Augenblicks schwieg die geistliche Musik, die hohe Strickschaukel mit den ehernen Ringen, in welcher die Priester die goldenen Götzenbilder schwangen, die sie dabei mit Rosen