Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
ar. 238 Mittwoch den 2. November /«LS
Nur ein Schreiber.
Ein Provinzleben in vier Capiteln erzählt
(Fortsetzung.)
In R . . träumte ich oft, daß ich fliege, auch sah ich einmal das Leichenbegängniß meiner Mutter — auch in der Schule, wenn der Professor auf die Nägel sah, um auf eine grammaticalische Regel zu kommen, kam's mir vor, als müßte jetzt mein Großvater zu Roß in die Schule kommen, rings um die Bänke reiten und mich zu sich erheben und znm Staunen Aller durch die sich öffnende Mauer im Galopp davon- fliegen. Bei der Prüfung pflegte ich oft verkehrte Antworten zu geben znm Verwundern des Professors, dem ich sonst stets trefflich entsprach. Freitags gingen die Bettler scharenweise; ich steckte mein Frühbrod in die Tasche und gab's dem, der mir beim ersten Anblick gefiel. Bei einem solchen Manöver traf mich einst ein Kamerad; ich wartete keinen Dank ab und wandte mich rasch um; der Kamerad lachte mich aus und sagte: Brauchst nicht solch Wesen machen, das Stückel Brod ist nicht der Red' werth,— ich schwieg und dachte: es ist doch mein Frühstück! — Eines Morgens war ich vor dem pro scholis-gäutcn mit mehreren Knaben schon auf der Schul, bank — plötzlich stand ich auf, nahm die Hände der Mitschüler und sagte: Kinder! wir wollen fromm und gut sein! Und ich ließ ihre Hände nicht los, bis sie ja sagten. Aber auch mein Körper blühte auf, ich machte die lauten Feldspiele mit, ich badete oft mehrmals täglich im Bach, „am goldenen RaiM — allein ging ich bis zum Kinn in die Tiefe, aber wenn mich Jemand hineinzieben wollte, widerstand ich heftig. Wenn man mich fragte, was ich werden wolle, sagte ich, Oberarzt in Nr Armee! Der Gedanke wurzelte fest in mir, seit mir ein Invalid zu Hause einen hölzernen Säbel geschnitzt hatte und auch das Gewehr, das wie ein Familicnamulet immer an dem- selben Pflocke hing und bald mein werden sollte, gab mir mar. tialische Gedanken. Vor den zwei Jahren der „Philosophie" hatte ich große Angst • das Durchfallen stellte ich mir ganz sinnlich vor; wenn inan fällt, kann man wieder ausstehen, aber durchfallen heißt den Boden unter den Füßen verlieren!"
Amalie hielt inne im Lesen — die Dinge waren alle für sie — so kleinlich und sie hatte Posaunentöne erwartet — nicht sowohl kindlich als kindisch kam ihr das Alles vor. Wie hätte Marie sich an diesen hellen Thautropfen des reinen Gemüthes erquickt und gefestigt im Vertrauen auf ihr ahnendes Herz! Aber so spielt das Schicksal und blind vertheilt eS glänzendes Geschmeide unter die Blinden und unter die Se- henden rohes Gestein. Aber es thut recht daran. Der Sehende gräbt den Demant aus dem rohen Gestein und seine Freude ist doppelt! Amalie überschlug mehrere Seiten und ihr Blick haftete auf einer Stelle, die ihr Interesse neu belebte und sie las halblaut, um mit dem Ohre dem Auge beizustehen:
„In den Ferien der Quinta ward ich sechszehn Jahre. Aus dem Blumenkelche sproßte die schüchterne, aber drangvolle Knospe — die Liebe: Im Schlosse zu Hohenelbe rvard Theater gespielt von Dilettanten. Nie, niemals hat mich Weiter die gelungenste Darstellung in der Stadt in dem Grade bezaubern können, als diese Bäckermeister in Generalsuniform, als die Seiler, gewohnt einen handfesten, groben Strick, nicht aber die geistigen, feinen Netze Amor's zu winden, als Liebhaber! Des AmtSverwaltcrs dreizehnjähriges Töchterlein, in schwellender Jungfräulichkeit, spielte naive Kindcrrollen mit einer Liebenswürdigkeit und Frische, die mir das Herz im Leide hüpfen machten. Bei Tag und Nacht träumte ich von ihr, zu Hause hatte ich keine Ruhe, nahm keinen Antheil an den Meinigen — nur sie wollte ich sehen und Tage lang lauerte ich vor dem Schloßgarten, bis sie sich herablehnte oder hinübcrsprang zum herrschaftlichen Arzte, wo sie Gespielinnen hatte. Des ArzteS Sohn war mein Mitschüler. Ich war fortwährend bei ihm und wiewohl ich deutlich sah, daß ich belästigte, daß man mir griesgrämige Gesichter schnitt: ich wich nicht — und wenn sie kam, — das Blut schoß mir in die Wangen und das Herz bebte in Ebbe und Fluth; ich sah sie nur an, ihre rosigen Fingerspitzen und das holdselige Lächeln ihres Mundes — aber ich athmete kaum — sie schien mich . nicht zu bemerken. Zu Hause hatte ich Verdruß wegen Ver säumuiß der Kirche und — des Essens — ich konnte gar