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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 254

Freitag den 28. Vctober

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Nur ein Schreiber.

Ein Provinzleben in vier Capiteln erzählt.

(Fortsetzung.)

Der Graf verlangte, der Schreiber möchte sich eine Gnade von ihm erbitten: Springer besann sich eine Weile und sagte lächelnd, er bäte um die Erlaubniß, ein Reitpferd halten zu dürfen. Dieser Wunsch war eigentlich eine aristo­kratische Anwandlung. Die Erlaubniß wurde aber gegeben. So hatte Springer nun mit Recht, was er sich bereits längst angemaßt.

Noch ehe der Graf zur Abreise in den Wagen stieg, deutete er Springern hin aufs Großische Haus und sprach scherzend; Blüht unter Jethro's Töchtern kein Zipora für ihn?

Excellenz, erwiderte der Angcredete, die Hirten sind hier allzu freundlich! Jethro's Töchter brauchen keinen Moses!

Die Antwort mußte dem Grafen gefallen haben, denn bald kam aus Schlesien die Ernennung Springer's zum Con­troleur. Seine Stellung war jetzt eigener Natur: als Con­troleur der gräflichen Einkommen war er dem Oberamtmann gleichgestellt, als Actuar hingegen untergeben.

Man mußte sich indessen fügen. Auch das Unmögliche, von einem Grafen einmal angeordnet, wurde möglich. Nicht blos in Rosenthal; ich denke, überall.

Im Städtchen verbreitete sich das Avancement Springer's wie ein Lauffeuer. O, der wird sicher noch was Großes! sagte die Groß-Marie. Nein! sagte die Lisi, mir kommt's immer vor, als würde er noch auffliegen, wie ein Stern am Himmel. Springer war schon lange der Abgott der Rosen­thaler und Rosenthalerinnen.

Um seinenControleur" gab man einen Ball. Muse, besinge diesen Ball und nenne die Namen der Gäste! Ein­tritt zuerst Herr Frank nebst Gemahlin, die einzigen geladenen Israeliten. Herr Frank war angesehen, weil er so vernünftig war, sich ein Ansehen zu geben; er setzte überall durch, was er wollte, man scheute sein Geld und die Kraft seines Willens. Zweitens: Herr Groß, der trotz seines Namens sehr kleiner *

Natur war, mit seinen sieben Töchtern, die man in Rosentha fast alle schön nennen durfte; nie ließ sie der Vater allein ii Gesellschaft gehen. Seine kleinen, klugen Augen musterte! jeden Mann, der den Sieben nahte, so scharf, daß wirkliä noch keine verheirathet war. Drittens: Aber genug! Naä und nach füllte sich der Saal mit den Großdürgern der kleine, Stadt. Endlich erschien die Braut die gebildete von Grafen aus besonderer Vorliebe in einer Pension erzogen Kastellanentochter die künftige Oberamtmännin, aber an Springer's Arm. Ein lebhafter Tusch empfing sie, eit Tusch, welcher, als der Actnar unvermerkt aus Verben gungen in einenDeutsch" überging, sich auch in eine, Walzer verlor. Keiner wagte es, mit in den Kreis zu tre ten und Aller Augen war auf das stattliche Paar gerichtet wie es die Füße immer zugleich fest an den Boden schlug wie die Körper leicht sich schwangen und die Seelen in Rhythmus sich wirbelten. Jetzt aber der Oberamtmann. Ein, Wolke trat aus seine Stirn, da er sah, daß man gerade mi seinem Tanze begonnen. Er konnte, ja er mußte glücklicher weise dem Actuar entgegentreten und zwischensprechen:Et thut mir leid, Springer, aber das Amt bettet uns nicht weich Sie müssen in die Judengasse; der getaufte David hat fo< eben hinterbracht, es leben viele Nichtfamilianten daselbst mii Weib und Kind; wo ein Kläger ist, muß ein Richter fein!'1 Aber jetzt" wollte der Angeredete einwenden.Ge­hen Sie. auf der Stelle! Der Amtsdiener und der Richter mögen Sie begleiten." Das hatte der Oberamtmann mit sich selber abgekartet, um zu zeigen, wer hier Controleur und wer noch Oberamtmann war.

Amalie sah dem scheidenden König des Abends nach und seufzte.

Springer kam zwar nach Mitternacht wieder. Auch die Honorationen hatten sich entfernt, nur Herr Groß war noch da. Hatte er doch sieben Töchter! Bis die befriedigt waren! Springer tanzte nur mit einer von ihnen. Sie hieß Marie. Ihre frische Gestalt, die goldenen Haarzöpfe, die im Tanze lieblich um sich flatterten, das tiefblaue Auge, das im melodi­schen Schwünge blauer ward, umflochten den Schreiber mit