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da sie ein so wesentliches Element des Berliner Lebens bil- den, verlohnt es sich wohl der Mühe, daß wir sie uns etwas naher ansehen. Besorgen Sie nicht das, was man eine Re­cension nennt. Einmal liegen die Berliner Theater-Recen­sionen in festen Händen, und ich habe durchaus keine Neigung mich unter diese, unter Freibillets und zarten oder auch nicht zarten Geschenken ergrauten, Veteranen einreihen zn lassen, dann aber kann nicht füglich von einer Kunstkritik die Rede sein, wo, wie bei unsern Sommertheatern, der Sommer die Hauptsache und das Theater vollständig Nebensache ist: ich beabsichtige nichts, als Ihnen annähernd einen Begriff von diesen theatralischen Genüssen zu geben.

Zuerst, wie billig, führe ich Sie nach Kroll. Fünf Silber­groschen Entre, für einen numerirten Sitzplatz 5 Sgr. extra. Sie passiren die Controle, zugleich als Stall für die unglück­lichen Hunde eingerichtet, die im Verdacht stehen, sie könnten den Anstand verletzen oder die nichtexistireNden Blumen be­schädigen; Sie lassen den sogenannten Garten, der aus Sand, einigen einsamen Bäumen und vielen Hundert Tischen und Stühlen unmuthig construirt ist, und in welchem zur Zeit noch die wirklich vortreffliche Capelle des Etablissementsun­ter persönlicher Leitung des Unterzeichneten", nämlich des Herrn Engel, der zugleich die Stellung eines Gemahls der Eigenthümerin bekleidet, beschäftigt ist Sie lassen diesen Garten rechts "liegen, und schlagen sich seitwärts in die Büsche; hier finden Sie das Theater, eine endlose Reihe amvhitheatralisch hinter einander anfsteigendcr Bänke, ans de­ren einem Sie für Ihre 5 Sgr. eine Nummer erkauft haben, rings umher von der Außenwelt durch eine Bretterwand ab- geschnitten, welche das verehrnngswürdige Publicum zugleich vor dem Schicksal schützt, 10 Fuß tief hinunter zu fallen, ei­nen verhältnißmäßig kleinen Raum, in welchem die Inhaber uichtnumerirter Plätze stehen und cs sich so bequem machen, als es die Interessen ihrer Nachbarn gestatten, und als eS im Stehen überhaupt möglich ist. Sie zünden sich eine Ci­garre an, hinter der Bühne wird, zum Zeichen für etwaige Nachzügler, eine große Glocke gezogen, und alsbald geht der Vorhang in die Höhe. Die Kroll'sche Bühne gibt alles: Opern und Possen, Vaudevilles und Dramen; sie ist in al­len Sätteln gerecht, die Oper aber pflegt sie mit sichtlicher Vorliebe. Die Primadonna der Oper muß nach einer ober­flächlichen Schätzung drei Zolleentncr wiegen; schließen Sie daraus auf die Kraft, welche der Anmuth zur Seite steht, und Kraft ist stellenweise nöthig, um hier durchzudringen. Doch lassen wir die Einzelheiten. Ohnehin fängt cs eben an zu regnen. Spannen Sie Ihren Regenschirm auf, und ge­ben Sie sich Mühe, durch die aufgespannten Regenschirme von zwölf vorderen Bänken hindurch zu sehen, aber aushalten müssen Sic; wir können unsere 5 Sgr. extra nicht umsonst

ausgegeben haben. So. Wir sind fertig, und wollen nicht erst für viel Geld hier sehr schlecht zu Nacht essen; wir ge- hen in ein anderes Theater, welches mit geringeren Ansprü­chen vor sein Publicum tritt, wir gehen in den Sommergar­ten der Gebrüder Hennig, in die weniger fashionable Gegend vor dem Oranienburger Thor. Entree 5 Sgr. für den Gar­ten sammt dem Theater.

Wir treten einige Stufen herab, vor uns dehnt sich ein ziemlich großer, etwas verwildert aussehender Raum aus; links vom Eingang, an die Hinterseite des Wirthshausgebäu­des angeklcbt, einige Fuß höher als der Garten, tritt uns eine hölzerne Bude von den kleinsten Dimensionen entgegen, der Tempel der Thalia der Gebrüder Hennigs; rings umher, unter die Bäume vertheilt, eine ungezählte Menge kleiner Tische, an welchen wir uns beliebig unsern Platz wählen, ganz vorn, ganz hinten, wie wir eben Lust haben. Das Publicum ist ein exclusiv Berliner; der Bürger bringt seine Pfeife und seine ganze Familie mit, und während der Familienvater das unerläßliche Weißbier bestellt, packt die sorgsame Hausfrau die unterwegs käuflich erstandenen Küchenvorräthe aus; die Kellner kommen und gehen. Die Kinder schreien und 'fressen, und während deß zieht ein einaktiges Lustspiel nach dem an­dern vor uns vorüber. Man macht keine Ansprüche^ und nimmt was da ist; die Leute oben haben guten Willen und starke Lungen, die Leute unten eben so guten Willen und Le­bensmittel in Fülle. Wenn daS Stück zu Ende und das Weißbier und der Kaffee und der Kuchen verzehrt ist, dann geht jeder ruhig und vergnügt seines Weges, und Hr. Karli Kallenbach, der Jupiter ton ans dieses Olymps, macht im Kreise seiner gespannt blickenden zärtlichen Väter und anmu­thig geschminkten ersten und zweiten Liebhaberinnen seinen Cassenabschluß. Uns aber steht jetzt noch ein dritter Ge­nuß bevor.

Wir lassen das moderne und civilisirte Berlin hinter unS, und finden uns weit draußen in der Rosenthaler Vorstadt wieder zusammen, wo SieWollanks Weinberg Nr. fO" an­geschlagen sehen. Hier, in einem wirklichen Garten voll der prachtvollsten alten Bäume, sind wir im vorstädtischen Theater. Sehen Sic sich erst das Publicum an. Es ist die Crème der Umgegend, aber vorzugsweise aus dem schönen Geschlecht, die geputzte Handwerkerfrau und die noch geputztere und vor- nchmcre Köchin, die sich nimmer dazu verstehen wird für 3 Sgr. auf dem bescheidenen zweiten Platz zu sitzen, sondern sich wohl gar für zehn Silbergroscheu in der Proscem'ums- loge unterbringt ; ihre Mittel erlauben cs ihr. Alles aber ist in einer wahrhaft andächtigen Stimmung, cs ist noch das Thcatcrpublicum in der Ursprünglichkeit längst entschwundener Jahre, daS alle die großen Emotionen, deren Zeuge es als­bald werden soll, empfänglich in sich aufnimmt. Denn auf