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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 231, Samstag den 1. Gctober iss».

Eine Neujahrsttacht.*)

Wer ohne die mehr oder weniger süßen Bande der Familie und der Verwandschaft, einsam im Leben steht, der fühlt diese Verlassenheit nie empfindlicher, als zu Weih, nacht oder Neujahr. Die Zusammengehörigen gruppiren sich in diesen festlichen Tagen in ihren Häusern und schließen, ohne es böse, damit zu meinen, alle uichd Dazugehörigen, die Ledigen und Alleinstehenden, aus. Selbst die Einladungen der Wohlwollenden ändern nichts in der Sache; der Gast steht immer fröstelnd in der Ferne, während die Berechtigten sich desto wärmer an einanderschließen. Das thut ihm aber doppelt weh; einmal, weil es die Leute wirklich gut meinen und er doch im Grunde nicht weiß, was er da soll, und,so­dann fällt ihm die schöne Zeit ein, da er cs als Kind auch einmal so gut hatte, aber das ist lange her und für immer vorüber. Der Junggeselle ist in solchen Fällen der Proleta­rier der Liebe, der Mit neidischen Blicken vor den reichen, frohen Herzen steht, die noch obendrein gar nicht begreifen können, warum er nicht glüth und strahlt vor Freude und Seligkeit.

Diese oder ähnliche Empfindungen mochten wohl den blei­chen, ernsten Manu bewegen, der am Nachmittag des Syl­vestertages 18** vor seinem Steinkohlenofen saß, von Zeit zu Zeit in dem Feuer herumrührte und dann hvicder schwei­gend in die Glnth sah. Es war der Accessist Franz Schaff­ner, der jetzt ins zehnte Jahr auf eine mäßige Anstellung wartete und mit dem Ablaufe des Jahres wieder keine j sichere Aussicht hatte. Arbeit gibts für heute nicht mehr, Murmelte er vor sich hin; die Schreibstuben sind all geschlos­sen. Was soll ich treiben den langen Abend? Ju's Wirth­haus zu den andern mag ich nicht; da ist mir'S zu laut und toll, und am Ende ist's doch keine rechte Freude. Also wie jedes Jahr, seitdem ich hier wohne: ein Gang durch die be­lebten Straßen und dann zu Bett. Närrische Menschen mit ihrem Neujahrstage; als ob's ein ein anderer Tag wäre denn

Aus Draxler - Manfred'sMuse." !

die übrigen. Und doch es liegt etwas darin: Abschied vom alten, Eintritt ins neue! Eine Illusion; aber eine an­genehme. Mau meint Wunder was das neue Jahr all Schönes und Gutes bringen könne ja könne: und dar­nach läuft es ab, wie die übrigen und man ist so gutmüthig und hofft wieder von neuem. Es ist sonderbar, daß ich ge­rade heute Abend wünsche, irgendwo heiter zu sitzen, wo mirs wohl würde und gut ginge mitten unter glücklichen Seelen und fröhlichen Gesichtern. Aber wem soll es einfallen, mich eiuzuladen; Ich habe Niemand hier.

Und in dem nämlichen Augenblick kam eine Einladung. Vom Präsident W.; die Hauöwirthin, Frau Schneider, brachte sie herauf. Ich war früher viel bei diesen guten, freund­lichen Leuten, sagte er, nachdem er das Billet gelesen, man hab Mich km immer mit Liebe und Herzlichkeit ausgenommen. Aber ich bin jetzt seit Jahren nicht dort gewesen. Warum, weiß ich selber nicht. Wir lasen und machten Musik zusam­men. Aber das macht mir schon lange keine Freude mehr- Ich bin, glaub ich, alt geworden, zu alt für die Kunst und Poesie. Das Antlitz der ewig jungen Schönheit sieht trüb und welk aus, durch den Actenstaub betrachtet. Ich überlasse neidlos den Enthusiasmus der frischeren Jugend; dafür bin ich ruhiger geworden. Aber der freundlichen Einladung würde ich dießmal dennoch folgen, auch wenn sie weniger dringend wäre. Der alte Herr hat wieder eine Hoffnung für mich, wie cs scheint. Die Hoffnung ist mir treu geblieben.

Nun haben sie' doch wieder den ganzen Ofen voll gestopft, sagte die Frau Schneider, als Franz sich zum Weggehen an­schickte, und wollen doch erst in einigen Stunden zurück kom­men, um gleich wieder weg zu gehen. Das ist nicht sparsam, und sie wissen doch

Ja, ja ich weiß es; Sie haben Recht, Frau Schneider; ich dachte nicht daran. Sie meint es gut, sagte er, die Treppe hinunter gehend; sie meint die Steinkohlen für den vorigen Winter wären noch nicht ganz bezahlt. Aber die gute Frau bedenkt nicht, daß ich nur für wenig Kosten ein warmes Zimmer zurecht mache für meine Rückkehr und daß eine be­hagliche Stimmung mehr werth ist, als ganze Centner Brenn-