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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 21!» Samstag den 17. September ^«sr
Scherumal.
Erzählung von der Küste Malabar. Aus dem Französischen des Th. Pavin.
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Der Baggerow.
Wenn man durch den großen indischen Ocean gegen die Küste von Malabar Hinfahrt, bemerkt man zuerst eine Kette von zackigen Bergen, deren Gipfel kaum aus dem Blau des Himmels hcrvvrtreten. Je näher man kommt, desto deutlicher erscheinen die nichtigeren Dcrgspißen, welche durch die Wälder, von denen sie bedeckt sind, ein etwas düsteres Aussehen erhalten; sie ziehen sich in regelmäßigen Linien hin, wie die Stufen einer riesigen Terasse. Endlich scheint das sandige Ufer, das allenthalben mit Kokosbäumen bedeckt ist, hinter dem Silberschaumc, der unaufhörlich gegen dasselbe anschlägt, aus den Fluchen sich zu erheben. Jene herrlichen Bäume, Eigenthum des tropischen Clima's, bilden dichte Wäldchen längs der ganzen Küste hin, von der Insel Salsette bis Ceylon, wo sie eine außerordentliche Höhe erreichen. Im Schutze ihres und des noch dichteren Schattens des BananaSbaumes werden zahlreiche Dörfer von armen Fischern bewohnt; ihre Hütten sind so niederig und so gut unter dem Dickicht der Blätter versteckt, daß der Schiffer, welcher in einer Entfernung von einer Viertelstunde vom Ufer hinfährt, nicht ahnt, daß Wohnungen da seien.
Ueberall, wo die Natur eine Art Hafen ausgehöhlt hat, am Ende von Buchten, oder an der Mündung von Flüssen, erheben sich mehr oder weniger in der Geschichte berühmte Städte, Bombay, Goa, Cananore, Cochin, Calicut, Omilon. Eine Menge kleiner Fürsten theilen sich in dieses fruchtbare Land, wo die reichsten Producte der Erde im Ueberfluß vorhanden sind. Sie leben da ruhig in asiatischem Luxus und asiatischer Trägheit unter der Genehmigung und dem kostspie- ligen Schutze der ostindischen Compagnie; und derjenige, welcher mit Recht sich rühmen kann, den schönsten Theil zu besitzen, ist der Nadja von Travancore, dessen Staaten nicht mehr als hundertvierzig Meilen in die Länge und vierzig
höchstens fünfzig Meilen in der Breite haben. Dies unmuthige Land zeigt eine Abwechslung von hohen Hügeln und tiefen Thälern, aus welchen Bäche aller Art hervorströmen, so daß sie in diesem kleinen Winkel der Erde, der mitten in der heißen Zone liegt, eine beständige Frische erhalten. Am Abhange des Berges , in dem höher gelegenen Theile des Königreichs Travancore trifft man einsame und unheimliche Wälder, welche die kostbarsten Gewürzpflanzen bergen, den Weihrauch, den Sandel. Zwischen duftenden Blumen ruhen auf buschigen Acsten die reizendsten Vögel, der Kolibri und der Papagei. Große, abscheuliche und raubgierige Affen belustigen sich hier in zahlreichen Schaaren, immer bereit, in die Ebene herabzu - kommen und die Obstpflanzungen und Gärten zu plündern. Im dichtesten Gebüsch, im tiefsten Grunde des Dickichts ziehen in Frieden umher der Elephant, der Tieger, der Büffel- oâ furchtbare Thiere, vor welchen der nackte und waffenlose Hindu zittert. Die Anpflanzung in den Thälern und in der Ebene ist blühender, als in irgend einem anderen Lande der indischen Halbinsel.
Durch seine Lage ganz am Ende der Halbinsel genießt Travancore der Wohlthat eines doppelten Passatwindes. Durch die Regen, welche zweimal des Jahrs den Boden be^ wässern, gedeiht der Reis wunderbar, ohne die Hülfe künstlicher Bewässerung. Die Erndte schlägt nie fehl; der Pflanzer, welcher seine Nahrung sicher sieht, hat Zeit übrig, um die Betelnuß *), die Kokosnuß, den Pfeffer, so wie die wohlschmeckenden Früchte zu pflanzen, mit welchen die Vorsehung diese bevorzugte Gegend beschenkt hat. Alles wäre also ganz gut in diesem Paradiese der Erde, wenn nicht der Fiscus dem Pflanzer den besten Theil von der Frucht seiner Arbeit wegnähme. Auf einem so reichen Boden lebt der Pflanzer arm und elend.
Die Bewohner des Königreichs Travancore stehen in einem ziemlich zweideutigen Ruf der Redlichkeit und man beschuldigt sie, sie seien Diebe, Lügner, geschickt zum Schmuggeln, mit
*) Betel, eine Pflanze, deren Blätter die Indier kauen, um den Magen zu stärken.