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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Stv 211

Donnerstag den 8. September

185.3.

Der Viear.

Aus dem englischen Leben.

(Fortsetzung.)

Zn höchster Spannung sah er seiner nächsten Lehrstunde entgegen. Eine schlaflose Nacht ging dem ersehnten Morgen voran, und gar oft zog er heute die Uhr hervor, ob deren Zeiger immer noch nicht die Stunde zeigen wollte, nach der rhn verlangte. Endlich war der Augenblick da, wo er ihr wieder gegenüber treten, wo er wieder ihre liebe Hand in der seinigen halten sollte. Er fand Ellen heute stiller und nachdenklicher als sonst, und traf sie sein Auge, so senkte sie erröthend das ihrige. Er hielt dieß für ein günstiges Zeichen und kehrte von neuer Hoffnung belebt in seine stille Wohnung zurück. Das nächstemal und wieder das nächstem al war es nicht anders, und immer höher stieg sein Muth. Sogar sorg- fälliger gekleidet fand er sie jetzt an den Tagen, wo er kam, und ein Kleid in seiner Lieblingsfarbe wurde, ihm zu gefallen, häufiger von ihr angelegt.

Sehen Sie, noch Vergißmeinnicht!" rief sie ihm eines Tages zu, als sie von einem Spaziergange zurückkehrle und ihn am Gartenthore stehen sah. Er trat hinaus und wünschte ihr Glück, im Spätherbst noch die schöne Blume gefunden zu haben, welche eine so liebe Sprache rede.Wer da sucht, der findet," versetzte sie mit neckender Schalkhaftigkeit,ich ernte also nur was mir gebührt."Unb wollen Sie mir nichts von Ihrem Schatze mittheilen?" fragte er bittend. Dieses Zweiglein allenfalls, wenn sie es gebührend werth halten wollen," versetzte sie schelmisch und besah musternd ihr kleines Bouquet, um eine einzelne volle Blume für ihn zu wählen.Einer Krone gleich soll sie mir gelten!" sagte er, die Blume nehmend und sie entzückt vor sein Auge hal­tend.Und wenn sie mir die Wahrheit spricht, so weiß ich auch eine Erwiederung für sie."Ihre Sprache ist stumm, wie Sie wissen."Deßhalb darf meine Erwiederung doch laut sein?"Ganz wie Sie wollen; ich brauche indessen bei dieser Unterhaltung wohl nicht zugegen zu sein," sagte sie und ging mit lachendem Gruße ihres WegeS.

Der junge Geistliche eilte in sein Zimmer, wo ihn die stille Mitternacht noch mit der Blume in der Hand fand, an die er eine Schicksalsfrage hätte richten mögen. Er wollte jetzt aber Muth fassen, er wollte sein Herz reden lassen und Hoffnung oder Entsagung in seine stille Klause zurück tragen. Mit diesem Entschluß trat er am nächsten Morgen nach der Predigt seinen Weg nach dem Pächterhause an, wo er als sonntäglicher Gast geladen war. Gleich unter der Thüre sah er Ellen stehen, die ihn erwartete, um ihn willkommen zu heißen. So hatte sie seiner geharrt? Wonnetrunken ruhte sein Auge auf ihr und er wollte die dargebotene Hand auf sein Herz legen und ihr zuflüstern: es schlägt für dich! Da störte ihn der Hufschlag eines Pferdes und der junge Wilson hielt auf seinem stattlichen Rosse neben ihm.

Ellen lief in die Stube, Wilson folgte und der Pächter trat im Festklcide heraus, um seinen jungen Gutsnachbarn zu begrüßen. Der alte Herr schien heute besonders aufge­räumt, auch war sein Tisch reichlicher besetzt als gewöhnlich. Dem sonntäglichen Nostbeef folgte heute noch ein Pudding, und als nach diesem noch d'er große Käse mit roher Sellerie aufgetragen wnrde, ließ er sogar eine Flasche Portwein mit aufsetzen.Auf die Gesundheit des jungen Paares!" rief er, die Gläser füllend und daS seinige voll erhebend. Der junge Geistliche hielt verwundert den Athem an und blickte auf Ellen, die bis in die Schläfen crrvthete und ihr Auge vor ihm niederschlug. Wer ist denn hier gemeint? fragte er noch sich selbst, als Wilson sein Glas ergriff und den Glück­wunsch mit seinem Dank entgegennahm. Erbleichend führte auch der Geistliche mit zitternder Hand das Glas an seine Lippe und trans den Tod aller seiner Hoffnungen.

Als der Abend kam und der junge Mann beim Sternen» schimmer den Weg zu seiner Wohnung antrat, da blickte die falbe Scheibe des Mondes ihn so traurig an, dte kleinen Himmelslichter schienen mit weinenden Augen auf ihm zu ruhen, währen der säuselnde Nachtwind die langsame Thräne von seiner bleichen Wange küßte. Es war ein armes, um Glück und Hoffnung betrogenes Menschenherz, das hier so leise wanderte, als träte der Fuß auf Gräber und wollte ihre Ruhe nicht stören.