Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Mass attischen Allgemeinen Zeitung.
Är. 203
Donnerstag den 1 September
1853.
Eine Lehre für das Leben.
Historische Novellete.
(Fortsetzung.)
Wie nannten Sie den Offizier? fragte der jüngere Kriegsmann und ließ sich den Namen wiederholen, welchen auf einen gegebenen Wink von ihm sein Gefährte in die Brieftasche notirte.
Alle Well lobt und preist den jungen Mann, hub der Bürger wieder an, er ist derjenige Offizier, welcher vor einigen Wochen auf Räubcrcommando im schlesische» Gebirge war, von welcher Expedition man sich fabelhafte Dinge erzählt. Diese Tapferkeit und Tollkühnheit eben ist cs, die ihm das Herz meiner Tochter gewonnen hat.
Mein lieber Freund! sagte der Militär mit den blauen Angen, indem er sich erhob, welchem Beispiele rasch der än- dere folgte, ich habe mit Ihnen eine angenehme halbe Stunde verplaudert. Ihre Ansichten Über die neuen Einrichtungen des Kaisers sind so, wie sie derselbe nur selbst wünschen kann; es wäre gut, wenn alle seine Unterthanen so überzeugt wie Sie wären, daß er es gut mit ihnen meint. Ich zweifle keinen Augenblick, daß auch Ihre letzteren Mittheilungen eben so wahr als aufrichtig sind. Daß kein Mißbrauch damit geschieht, dafür bürgt Ihnen dieser Rock. Erinnern Sie sich aber, lieber Mann I an diese Stunde, wenn Ihr heißer Wunsch in Erfüllung geht. Ist der Offizier ein so braver Soldat, wie Sie und die öffentliche Meinung ihn schildern, so ist kein Zweifel, daß er seinen Weg gehen wird, und da ist ohnehin in Kremsier seines Bleibens nicht lange.
Gott gesegne Ihnen diesen Trost, bester Herr! Erlauben Sie einem schlichten Bürger einen Wunsch zum Danke dafür: Möchte der Kaiser bald wieder Krieg beginnen und dieser Krieg Ihnen zu rothen Hosen verhelfen!
Der jüngere Offiier lachte noch herzlich über diesen Abschiedswunsch des Kremsierer Bürgers, als sein Wagen schon längst dem Dörfchen den Rücken'gekehrt hatte. Der Wirth aber meinte gegen diesen, die Herren, mit denen er gesprochen, müßten etwas extra Vornehmes sein, denn das Bischen
Wein, was sie getrunken, hätten sie Jeder mit ein paar so schönen Ducaten gezahlt, als je das Kremnitzer Bergwerk verlassen hätten.
Der Wirth hatte Recht! In Kremsier harrte am Thore seines Wohnhauses der Oberst von Joseph Colloredo und als der schlichte Reisewagen davor hielt, nahte er in ehrerbietigster Stellung dem Schlage.
Ist alles bei Ihnen bereit, wie ich es gewünscht habe, mein lieber Obersts sagte freundlich der blauäugige Offizier, der Niemand anderer war, als Joseph II. von Habsbnrg- Lothringen. Wie es Ew. Majestät mir schriftlich zu befehlen geruhten, so geschah es. Das Feldbett ist in meiner Wohnung aufgeschlagen für einen fremden Offizier. Niemand als ich weiß von Ler Ankunft Ew. Majestät. Die Ueberraschung bei der Revue am morgigen Tage wird vollkommen sein. — Ich bin müde, lieber Oberst! Führen Sie mich in das für mich bestimmte Zimmer, und vergessen Sie nicht, mich nur mit dem Oberstentitel anzureden, sobald uns Jemand von Ihren Hausleuten sieht; ich hoffe, die Dämmerung wird das Uebrige thu»! Wenn ich die Reisekleider abgelegt habe, besuchen Sie mich auf dem Zimmer, ich habe noch Einiges mit Ihnen zu besprechen! Somit verließ der kaiserliche Gast den Wagen.
Eine halbe Stunde später befand sich der Oberst anbefohlenermaßen in dem Zimmer des Kaisers. Er brachte einen Brief mit, den eine Staffette von Wien unmittelbar nach der Ankunft des Monarchen gebracht. Der Kaiser war so schnell gefahren, daß trotz des Aufenthaltes in Tettetitz die Staffele, welche Wien einige Stunden später verlassen hatte, ihn erst in Kremsier einholte. Das Packet trug die Adresse des Obersten mit dem Beisätze: „Für seinen Gast."
Der Kaiser durchflog den Inhalt mit ernster Miene. Ein Brief von meiner Schwester Marie Caroline aus Neapel lieber Oberst! die mir schlimme Sachen meldet. Doch wie jedes Unangenehme zu etwas Erwünschtem Veranlassung geben kann, so paßt diese böse Nachricht ganz trefflich zu einem Plane, den ich feit einigen Stunden mit mir herumtrage. Sagen Sie mir recht aufrichtig, lieber Oberst, was halten Sie von dem Lieutenant von M ... in Ihrem Regimente?