Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
X, 203.
Dienstag den 30. August
185.3.
Erfüllte Wünsche.
Eine Erzählung.
(Fortsetzung und Schluß.)
Gaston holte aus seiner Reisetasche das Paket, das ihm Frau Waldner mitgegcbeii. Sie erbrachen es. Erst fielen ihnen eine Menge vergilbter Briefe in die Hände. Marie las, Gaston hielt sie umschlungen und blickte in das Papier. Es waren Liebesbriefe; die Briefe des Mädchens waren mit einem F., die des Liebhabers mit einem E. unterzeichnet. Er schrieb, um sie zu einer heimlichen Trauung zu bewegen; da die Ehe seines Bruders kinderlos sei, so habe er für sie und sich die beste Aussicht für die Zukunft; für jetzt aber sei cs ihm unmöglich sich öffentlich zu vermählen, da sie wohl von seiner Schwägerin erfahren haben werde, daß er ganz über- schnldet sei.
Marie legte die Briefe weg und nahm ein Blatt zur Hand, welches die Ueberschrift: „Für meine Tochter" trug. Es begann: „AuS jenen Briefen wirst du, mein Kind, die Stimme der Verführung vernehmen, die mich verlockte. Ich folgte ihr leider nur zu gerne; es war meine erste, meine einzige Leidenschaft! Ich entfloh, wir wurden auf seinem Schloß getraut und dort lebte ich in völliger Verborgenheit, aber bald theilte ihm sein älterer Bruder, der Majoratsherr, mit, daß seine Gemahlin Mutterhoffnungcn hege. Mein Gemahl war über diese Nachricht außer sich. Er hoffte aber sündhafterweise, daß seine Schwägerin, die kränklich war, sterben oder ihrem Manne eine Tochter schenken werde. Seine gottlosen Hoffnungen schlugen fehl, und als ich nun selbst einer Tochter das Leben gab und zwar an demselben Tage, an welchem seine Schwägerin einen Sohn gebar, wollte er verzweifeln."
Marie hörte auf zu lesen; sie sah in Gastons Gesicht, eine fürchterliche Angst schnürte ihre Kehle zusammen. Aus Gastons Augen las sie keinen Trost, auch in ihm stieg ein trauriger Verdacht auf. Marie griff nach dem nächsten Papier, es war der Trauschein ihrer Eltern. Ihre Ahnung traf ; ein, da stand es: Gras Eberhard von Cronberg.
Graf Eberhard ihr Vater! das blühende starke Mädchen erlag dieser Entdeckung, zum erstenmal in ihrem Leben wurde sie ohnmächtig. — Als sie wieder zu sich kam, fand sie Georginen um sich beschäftigt, Gaston war hinausgegangen, denn auf ihn selbst machte es einen fürchterlichen Eindruck, ,daß dieser herzlose, unnatürliche Vater seiner Geliebten — sein eigener Oheim war. — Nie hatte er ja sein Kind zu sehen verlangt, nie sich nach ihm erkundigt, es hülflos, wie seine Frau ihn glauben ließ, über das Weltmeer ziehen lassen, während er glänzende Gelage gab und fremde Menschen mit seiner.Gastfreundschaft überhäufte.
Als Gaston zu Marien zurückkehrte, war sein erstes Wort: „Er muß dich anerkennen!"- Maric wandte sich schaudernd ab. Endlich sagte sie: „Ich will im Gebet meine Tage zu- bringen, um Gott um Verzeihung zu bitten, daß ich meinen Vater nicht lieben kann; ich will mein Hab und Gut den Armen schenken und jedem Bettler eine Tochter sein, aber diesem — niemals!"
Sie ging hinaus und schloß sich in ihr Zimmer ein, aber bald kam sie wieder, um Gaston nach ihrer Mutter auszufragen, und nur das Besprechen das er ihr gab, sie nach America bringen zu wollen, sobald sie ihm ihre Hand ge. reicht, konnte sie abhalten, jetzt schon allein zu ihrer Mutter zu eilen, der sie eine Liebe entgegen trug, die durch die immerwährende Entbehrung jedes ihr verwandten Wesens sich zur Leidenschaftlichkeit steigerte.
Am folgenden Morgen ritt Gaston zu seinem Oheim. Marie verbot ihm, diesem auch nur mit einer Sylbe zu verrathen, daß sie seine Tochter sei, und er versprach ihr auch zu gehorchen, aber er nahm doch den Trauschein und Mariens Taufschein unbemerkt zu sich, denn ihm dünkte, als könne es doch einen Fall geben, wo er derselben bedürfen möchte. Marie sollte nichts davon erfahren, und daß Eberhard nicht schweigen werde, brauchte er nicht zu befürchten.
Als er bei seinem Oheim eintrat, war er überrascht von der Kälte des Empfangs. Aber sich selbst bezwingend, antwortete er auf seine Frage, was ihn zurückführe? im gewöhnlichen Tone: Die Einsicht, wie kindisch es war auf eine von