Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Sri 201. Samstag den
27. August ^«L»
Erfüllte Wünsche.
Sine Erwählung.
(Fortsetzung.)
grau Waldner schüttelte unter Thränen den Kopf. „Sarah kann mich nicht missen, Ellen noä) weniger — und was sollte ich dort? Marie ist glücklich auch ohne mich, und als ihre Mutter darf ich mich doch nicht der Welt zu erkennen geben. Der Vater, der sie nie gesehen, als sie noch bei mir war — trotz meiner Bitten kam er nie zu mir — muß ihr jetzt das ersetzen an Liebe, waS er ihr entzogen, das hat er mir versprochen, wenn ich ginge, oder vielmehr wenn ich stürbe, denn er glaubte, ich nehme das Kind mit nach America, und ich ließ ihn bei dem Glauben, so sehr fürchtete ich seine Härte so wenig baute ich auf seine Liebe für sein Kind, das er niemals zu sehen verlangt hat."
„Sie wollen also nicht mit mir nach Deutschland zurück- kehrcn, um dort glücklich und frei bei Ihrem Kinde zu wohne» ? denn wenn auch Marie meine Hand ausschlägt, so hat meine Mutter in ihrem Testament so mütterlich für sie gesorgt, daß Sie beide in Wohlstand und Behaglichkeit leben können. Marie hat ein eigenes bequem eingerichtetes Haus: warum wollen Sie in abhängigen Verhältnissen bei einer Fremden im fremden Lande bleiben?"
Fran Waldner — denn ihren wirklichen Namen hatte sie ja noch nicht wieder angenommen — beharrte bei ihrer Weigerung, und Gaston konnte nichts von ihr erlangen als das Versprechen, in einigen Jahren nachzufolgen.
Die Gründe, warum die arme Frau bei dieser Weigerung blieb, konnte Gaston nicht errathen. Sie waren: erstens eine religiöse Schwärmerei, welche ihr eingab, dafür, daß sie ihr Kind hülsloS und arm verlassen, müsse sie nun auch sich versagen, Glück und Reichthum von diesem Kinde anzunehmen. Zweitens glaubte sie, Gaston würde der Anblick einer Schwiegermutter, die er in so untergeordneten Verhältnissen kennen gelernt, in seinem Glücke stören, das sie ihm so von Herzen gönnte, um der Liebe willen, die er zu ihrer Tochter trotz ihrer dunkeln Herkunft trug und auch, weil er Violantens Sohn
war, deren Andenken sie segnete, so dankbar, wie nie einer Todte» Name gesegnet wurde.
Gäston konnte sich nicht entschließen, ihr das traurige Mißverständniß mitzutheilen, welches ihn an die amerikanische Küste getrieben, denn er fühlte zu wohl, welch indirekter Borwurf für sie darin lag, die durch die geheimnißvolle Art, womit sie ihr Kind seiner Mutter gebracht, anstatt ihrer edel» Gönnerin ihr Herz vertrauensvoll zu öffnen, den Sohn dieser Frau aus dem Hause seiner Ahnen getrieben, und obendrein, wie sein Oheim ihn hatte ahnen lassen, das Andenken dieser edeln Frau auf's schmachvollste verdächtigt. Das alles hatte ja nur ein glücklicher Zufall, wie die Welt eS nennt, verhindert. Gaston sah aber darin die Fügung der Vorsehung, die ihn um der Tugendeu seiner verklärten Mutter willen aus seinem traurigen Wahne gerissen.
Frau Waldner versprach ihm den andern Morgen eine» Brief für ihre Tochter zu schicken, in den die Momente ein« geschlossen werden sollte», die Marien mit ihren Eltern bekannt machten. ,>Jch überlasse meinem Kinde," sagte sie dabei, „Sie $um Vertrauten des Geheimnisses zu machen, aber nur in dem Falle, daß sie Ihre Gemahlin wird, sonst nicht; denn ich habe ihrem Vater ein feierliches Gelöbniß abgelegt, daß nur sein Kind und einst dessen Gatte ihn kennen sollten. Nur unter dieser Bedingung händigte er mir unsern Trauschein aus, den ich außerdem nicht erhalten konnte, da mir der Geistliche ganz nnbekannt war, der uns in seiner Schloß- kapelle um Mitternacht getraut hat."
Gaston gelobte ihrem Willen zu gehorchen; und nachdem er am andern Morgen das Packet begleitet von einigen freundlichen Abschicdöworten Sarahs, erhalten, verließ er Washington und bald darauf America auf einem ziemlich schlechten alten englischen Segelschiff. Da er aus Cronberg nur den Rest des ihm von seiner Mutter angewiesenen Reisegeldes mitgenommen, war seine Baarschaft so geschmolzen, daß er nicht in der Cajüte, sondern im Zwischendeck einen Platz nahm, und dabei noch hoffen mußte, in Liverpool von einem Banquier, der ihm auf seiner großen Reise Geld aus einen Creditbries ausbezahlt, wieder erkannt zu werden, und von ihm