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Jagemann's Mittheilung imGerichtssaal" seines Gleichen in ganz Europa nicht hat. Der ganze Umkreis der Nouvelle Force beträgt 6600 Quadratruthen, die Hauptansicht steht gerade gegenüber dem Bahnhof der nach Lyon führenden Ei­senbahn. Das Gefängniß enthält zwölfhundert Einzelzellen Es sind sechs Flügel oder sechs Haupttheile des Gebäudes, welche aber doch nur ein ganzes bilden, indem sie, auf einem Halbkreis stehend, alle sechs in einem gemeinschaftlichen Mit­telpunkt fächerförmig zusammenlausen. Bon diesem Punkt auS übersieht man mit einem Blick die sechs Gallerien der Art, daß eine einzige Person Alles bemerken kann, was in den 1200 Zellen vorgeht. Der Mittelbau steht aus Säulen; zu ebener Erde ist der Aufenthalt der Hanptwache; im ersten Stock befindet sich eine Capelle mit einem Altar.

Lon dem Centrum gehen alle Befehle und Mittheilungen ebenso aus, als sie dahin zurücklaufen, zu welchem Zwecke auf d^ linken Seite jeder der sechs Galerieen Sprachrohre angebracht sind, welche in den Flügeln bei jedem Aufseher­posten eine Mündung haben. Neben den Sprachrohren laufen Schellenzüge hin, durch die man ein Zeichen zum Aufmerken gibt, ehe man anfängt zu sprechen. Ebenso befindet sich in jeder Zelle ein Schellengriff, damit die Gefangenen, wenn sie schneller HW bedürfen, ein Zeichen geben können. Durch das AnzielM desselben fällt oberhalb der Zeüenthür ein Sig­nal herab, damit die Aufseher sogleich wissen, in welcher der 1200 Zellen geschellt wurde. Jeder Flügel hat, einschließlich des untern Raums, drei Stockwerke, deren Galerieen bei Tag durch Oberlichter und bei Nacht durch im mittlern Stock an­gebrachte Gasflammen erleuchtet find. Das Zellenmobilar besteht aus einer Hängematte, welche bei Tag mit dem Bett­zeug aufgerollt und oberhalb der Thür auf ein Bret gestellt und bei Nacht quer durch die Zellen an eisernen Ringen auf- gehângt wird; ferner aus einem Tisch, Stuhl ohne Lehne, einem Wasserkrug, zwei Schüsseln von Schmiedeeisen, einer Vorrichtung für ein Gaslicht und in den vier Ecken je einem Gestellbret. Die Erwärmung im Winter und Erfrischung im Sommer geschieht durch Luftkauäle, welche mit den Öcfen und beziehungsweise äußern Lustkanälen in Verbindung stehen. An der gegen außen gehenden Zellenwand befindet sich 2'/, Meter vom Fußboden aufwärts ein Fenster mit unbeweglichem Rah­men. In der obern Hälfte der Thür öffnet sich eine Klappe nach innen, durch welche die Lebensmittel hineingegeben werden.

Was den Gottesdienst betrifft, so wird er in folgender Weise verrichtet: Die Thür einer jeden Zelle wird in der Richtung nach dem obenerwähnten Altar in der Kapelle in einem Viertelswinkel so geöffnet, daß der Gefangene den Altar sehen kann. Er ist von weißem Marmor. Ein als­dann vorgeschobener Riegel verhindert, daß die Thür weiter

aufgehen kann, damit keine Communication der Gefangenen unter sich stattfindet.

Ein Sprechzimmer in gewöhnlicher Weise für die Auf­nahme von Besuchen ist nicht vorhanden. Die Advocaten der Angeklagten glaubt man unbedenklich in die Zellen selbst Eintreten lassen zu dürfen. Für Besuche von Verwandten und Freunden, sofern sie vom Untersuchungsrichter gestattet werden, sind in einem besondern Zimmer zwei sich gegenüberliegende, durch einen Gang für Aufseher getrennte Bogeureihen ange­bracht, in deren eine die Besucher, in die andere dir Be­suchten eingelassen werden, sodaß mehrere Gefangene zugleich Besuch erhalten können, ohne daß jedoch einer den andern oder auch ein Besuch den andern zu Gesicht bekommt.

Auf dem Jsolirungsfuß sind nun ebenso alle andern Theile dieser Anstalt durchgeführt, namentlich die Krankenabtheiluug, die Badeeinrichtung und die Spazierhöfe. Von letztern sind fünf angelegt, nämlich zwischen je zwei Flügeln einer. Da jeder Spazierhof, zwanzig Einzelhöfe enthält, so ergibt sich die Zahl von hundert im Ganzen, also für je zwölf Gefan­gene einer, und rechnet man auf den Kopf je eine halbe bis drei Viertelstunden des Tags, so haben die Gefangenen im Winter wie im Sommer Gelegenheit, sich im Freien zu er­gehen.

Die Küche ist ebenso wie der Gasometer außerhalb des Hauptgebäudes ganz in der Nähe des Centrums angebracht. Aus den Küchen geht eine Eisenbahn in den Gefängnißraum, auf welcher sechs Speisewagen so oft hin- und hergeführt werden, als die Essenszeiten eintreten. Auf diese Wagen wer­den in kupfernen Gefäßen die Portionen für die Gefangenen gestellt und nachdem der unterste Stock versorgt ist, kommt die Reihe an die mittlern und obersten; in die letztern bringt eine Hebemaschine nach dem Vorbild von Pentonville die Por­tionen, welche auf den Galerieen von Zelle zu Zelle bis zum Ende des Flügels vorwärts gerollt werden.

Dieses großartige Gefängniß ist in Zeit von fünf Jahren auf Kosten der Stadt Paris unter der Leitung der Architek- ten Gilbert und Lecointe erbaut worden. Im Hinblick auf die zu Paris stationär gewordenen Unruhen und Aufstände gelangt man zu der Annahme, daß die nächste Bestimmung des Hauses darin bestehe, die bei dergleichen Vorfällen aufge^ griffenen Massen möglichst schnell, sicher und in der Art an» tcrzubringen, baß sie nicht aufs Reue gefährliche Pläne schmie­den können.

Für ein Strafgefängniß wäre die Anzahl von 1200 De- tinirten offenbar zu groß, zur Verwahrung von UntersuchungS- gefangeuen dürfte jedoch die Zahl noch innerhalb der richti­gen Grenze stehen. Die blose Versorgung der Gefangenen mit Kleidung, Nahrung und dergl. ist nämlich eine Sache-, die nur um so mehr Unterbedienstete erfordert, als die Anzahl