Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 197. Dienstag den 23 August /m.
SefüUtc Mansche.
Eine Erzählung.
(Fortsetzung.)
Hier hielt Eberhard inne, denn selbst er erschrack jetzt über die Wirkung seiner Worte aus Gaston. Tobtenblaß, mit weit offenen Äugen und an allen Gliedern zitternd starrte der Jüngling seinen unheilverkündenden Oheim an. AlS dieser schwieg, schlug er die Hâude vor das Gesicht und sank in einen Stuhl, und nur das krampfhafte Heben seiner Brust verkündete, daß er nicht ohnmächtig sei.
Aber zu Gapous Ehre sei cs gesagt: was ibn bei der Insinuation semeS Oheims zuerst, am meisten erschütterte und aller Fassung beraubte, war nicht der Gedanke, daß er nicht der Majoratserbe von Eronbcrg sei, sondern daß es eine Möglichkeit gebe, daß Biolante nichd j e i n e. Mutter, daß sie nicht die fleckenlose Frau sei, deren Sohn zu sein er immer |o stolz gewesen.
Eberhard wollte wieder sprechen, aber Gaston winkte ihm zu schweigen und so mußte der ältere Graf sich entfernen, was ihm auch jetzt ganz bequem war, da er überzeugt sein konnte, daß Gastön selbst diese Unterhaltung wieder aufneh- men werde, auf deren Erfolg Eberhard alle seine Plane für die Zukunft gebaut hatte. Gaston aber, sobald er sich allein sah, verschloß sich in sein Zimmer, um sich einer Gedanken- fluth hinzugebeii, die ihn zu vernichten drohte.
Ein unterschobenes âd! Der Unglückliche glaubte es, ja er hatte eigentlich gar keinen Zweifel mehr! Hatte er nicht erzählen hören, daß bei seiner Geburt auf den ausdrücklichen Wunsch der Gräfin niemand zugegen gewesen als Martha eine alte Frau aus dem Dorfe, die in solchem Falle bei jeder Bäuerin zu finden war, und die treue Kammerfrau, die ihr Leben für die Gräfin ließ? Hatte er nicht gehört, daß die beiden Aerzte, die man aus der Residenz geholt abreisen mußten ohne die Wöchnerin gesehen zu haben, weil diese ihnen hatte sagen lassen, sie bedürfe glücklicherweise ihres Beistandes nicht? War nicht die alte Martha reich belohnt im Wohlstand gestorben, und Georgine, wie sorgte die Gräfin für Georgine! ‘
Und war es nicht auffallend, daß diese alte Kammerfrau bei Marien bleiben sollte bis zu ihrem Tode, sie, die Einzige auf Erden die wissen konnte, wer Marie war? Und Marie selbst, wie hatte die Gräfin sie gehalten! Und zuletzt noch, hatte sie nicht selbst gesagt, daß sie nur um des Mädchens willen ein Testament errichtet, um des armen Kindes willen, weil der Gedanke an dasselbe „ihr den Tod erschwere?" Und dann, was alle Zweifel in seinem sanguinischen Sinne hob, war Marie nicht der Fürstin Therese, jener Dame, die er bisher für seine Großmutter gehalten, wie aus den Augen geschnitten ? Konnte das eine Fremde sein? — Alle diese Umstände zusammen genommen waren zu schlagend — s i e war e§, nicht er.
Es war ein Glück und ein Unglück zugleich für den Jüngling, daß sein männlicher Stolz seinen gräflichen Stolz so weit überwog: ein Glück, weil dieser Stolz es ihm unmöglich machte in unrechtmäßigem Besitz zu schwelgen, und ihn rasch in das sich finden ließ, was ihm nun einmal sein Schicksal schien; ein Unglück, weil er ihn ohne weitere Prüfung der Insinuation seines Oheims glauben und so unbesonnen alles aufgeben ließ, in dessen ungestörtem und unzerstörbarem Besitz er sich befand, daß er es sogar verschmähte, Georgine zu vernehmen, die einzige, die ihm Auskunft geben konnte.
VIH.
Weiblicher Takt.
Als Maric am folgenden Morgen ihr Schlafzimmer verließ, brachte man ihr einen Brief von Gaston mit der Nachricht, der junge Graf sei schon in aller Frühe abgereist. Er- schrecken und Unheil ahnend erbrach sie den Brief, der hier folgt: „Diese Zeilen sollen ihnen, meine liebe Marie, ein ewiges Lebewohl vom Bruder und Jugendgespielen bringen. Binnen wenigen Stunden wird man Ihnen zwei Documente übergeben, wovon Sie das eine meinem Oheim einhändigen wollen. Es enthält meine Verzichtleistung auf die Verwaltung der Güter und überträgt ihm dieselbe auf seine Lebenszeit. Das für Sie bestimmte enthält die Schenkung meines ganzen Allodialvermögens. In fünfundzwanzig Jahren wird