Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Wr. 194.
Freitag den 19. August
mv.
Erfüllte Wünsche.
Eine Erzählung.
(Fortsetzung.)
Wieder überzog ein dunkles Roth die Züge des Mädchens, und sie sagte im Tone gezwungenen Scherzes: „Ich übe mich einstweilen, denn wenn Gaston zurückkehrt, muß ich ihn doch so nennen; erlauben Sie mir jetzt damit an- jufangen." — In Lioianlen stieg der Verdacht auf, Gaston möchte beim Abschied Marien seine Neigung verrathen haben, und sie suche deßhalb sich ihm jetzt ferner zu stellen als sonst. Und dem war auch wirklich so; Gaston hatte zwar seiner . früheren Gespielin nicht geradezu eine Liebeserklärung gemacht, aber trotz seines Oheims Warnung sich beim Abschied so auffallend benommen, daß Marie nicht im Zweifel bleiben konnte. Anstatt ibr seine Mutter anzuempfehlen, wie sie erwartet, hatte er sie flehentlich gebeten, ihm zuweilen zu schreiben und ihn nicht zu vergessen. Marie hatte ihn um so eher durchschaut, da ihre Stellung im Leben sie besonnener und frühreifer machte, als es sonst Mädchen in ihrem Alter zu sein pflegen. Sie beschloß auch das Geheimniß, das sie entdeckt, der Gräfin, von der sie hoffte, daß sie nichts bemerkt habe, aufs sorgfältigste zu verbergen. Ihr eigenes Herz prüfte sie streng, aber zu ihrer Freude Janb sie, daß keine Saite für Gaston anders als in schwesterlicher Liebe schlug, und beruhigt und dankbar, daß der Himmel ihr dadurch ihre Aufgabe erleichtert, sah sie, was diesen Punkt betraf, ruhig der Zukunft entgegen. Des Candidaten Liebe suchte sie sich ganz aus dem Sinne zu schlagen; es ärgerte -sie, daran zu denken; wie alle stolzen Frauen bei ähnlicher Gelegenheit fühlte sie sich förmlich beleidigt, daß dieser, ihr so widerwärtige Mann sie zu lieben und zu begehren wage.
Die Gräfin wurde von Woche zu Woche schwächer und leidender. Gastons häufige Briefe vermochten sie nicht zu stärken, so sehr auch die jedesmalige Kunde von ihm ihrem Herzen wohl that; denn sie merkte gar zu gut, daß diese Briefe eigentlich nur für Marien geschrieben waren, da er überzeugt sein konnte, daß die Gräfin sie ihr mittheilte. Er *
schrieb jmmer von seinem Heimweh, seiner trüben Stimmung, feinem Alleinsein , und nebenbei kramte er ziemlich ungeschickt seine liberalen Ansichten und wenig aristokratischen Grundsätze in Beziehung auf die Gesellschaft auö. — Violaute, die dem ein Ende machen wollte, ließ sich nun, statt wie bisher ihre Briefe an den Sohn Marien in die Feder. zu dictiren, ihre Schreibmappe auf das Bett bringen und schrieb selbst. Sie sagte ihm, sic sei jetzt wohler und werde von nun an Marien nicht mehr zu ihrer Correspondenz bedürfen; so sehr sie auch das junge Mädchen liebe und ihr vertraue/ so sei es ihr doch schmerzlich, immer einer Dritten als Mittlerin zwischen sich und ihrem einzigen Kinde zu bedürfen. Sie wünsche, daß seine Briefe von nun an ihr allein gehörten, denn seit fie von ihm getrennt sei und nichts mehr von ihm besitze als seine Briefe, sei sie auf dieses Einzige eifersüchtig. — Die Gräfin, die eigentlich damit nichts beabsichtigte als eine Probe, die ihre Vermuthungen zur Gewißheit machen sollte, erreichte ihren Zweck vollkommen. Gaston schrieb von nun an weit seltener und viel kürzere Briefe, aber sie hatten den Vorzug, daß sie aus dem sentimentalen, geschraubten Tone eines zum er- steumal liebenden Jünglings in den natürlichen eines Kindes übergingen, das an seine Mutter schreibt, und sie machten dieser deßhalb viel mehr Freude als die früheren.
Vf.
Der Student.
Seit beinahe einem Jahre war Gaston eifriger Zuhörer in den Kollegien der kleinen Landesuniversität, wohin ihn sein Oheim zuerst geschickt hatte. Sein Fleiß, der unter den übrigen Zuhörern seines Standes etwas Phänomenales war, wurde noch durch das Verlangen befeuert, seine Studien möglichst bald zu beenden und nach Cronberg zurückzukehren. — An Gaston war nichts von dem zu bemerken, was man sonst an jungen Leuten seines Alters wahrnimmt. Seine Freiheit — denn Herr Kerlholz beschränkte sie durchaus nicht — der Wechsel der Umgebungen, die studentische Ungebundenheit, ja sogar seine glänzenden, ganz seinem Ermessen anheimgestellteu Einkünfte machten ihm nicht die geringste Freude, unb das