Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung
Kr. 161.
Dienstag den 16. August
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Beato«
Erfüllte Wünsche.
Eine Erzählung.
(Fortsetzung.) IV.
G a ft o n.
Gaston, der müde war, sich unten im Garten Herumzu- treiben, trat ein. Er öffnete den Flügel und legte die Noten eines Volksliedes auf, das er besonders gern von Marien singen hörte. Marie sang wie immer, Gaston begleitete sie und hörte ihr wie immer zu, aber Diolante bemerkte zum erstenmal die Aufregung, worin ihn jedesmal der Gesang des schönen Mädchens versetzte. „Eberhard hat Recht," sagte sie zu sich, „die Kinder müssen getrennt werden."
„Du weißt, mein lieber Sohn," begann Violante, als Gaston neben ihr Platz genommen, „daß dein Vormund mit mir darin übereinstimmt, daß du bald eine Universität beziehen mußt, wohin natürlich Doctor Kerlholz dich begleiten wird." — Mit sichtbarem Erschrecken fragte Gaston: „Aber doch jetzt noch nicht? diesen Herbst noch nicht?" — „Warum nicht?" sagte Violante mit einem so großen Aufwand von Heroismus, um ruhig zu scheinen, daß es beinahe ihre Kräfte überstieg und ihr die Stimme versagte. — „Daran denkst du im Ernst nicht!" rief ihr Sohn aufspringend.
Violante wäre noch gestern bei diesen Beweisen von ihres Sohnes Abneigung, das Schloß zu verlassen, in die dankbarste Rührung versetzt worden und hätte sie einzig und allein der treuen Liebe zu ihr zugeschrieben, aber heute lagen ihr Eber. Hards Worte zu sehr im Sinn und sie war jetzt fest überzeugt, daß die Neigung zu Marien die Hauptquelle seiner Anhänglichkeit an die Heimath war. Dieser Gedanke zog ihr das Herz zusammen und sie antwortete in strengerem Tone, als sie ihn sonst dem verwöhnten Kinde gegenüber anzunehmen pflegte: „Es ist mein fester Entschluß, daß du in einigen Wochen gehst und du würdest mir einen großen Gefallen thun, wenn du schon morgen früh deinen Oheim von meinem Wunsche in Kenntniß setzen und mit ihm das Nähere besprechen wolltest, namentlich was die Wahl der Hochschule be
trifft, die du zuerst beziehen sollst." — „Aber warum denn plötzlich solche Eile? Ich habe ja noch Zeit genug! Die wenigsten jungen Leute beziehen schon in meinem Alter die Universität." — „Das ist ja desto mehr Ehre für dich," sagte Violante gezwungen lächelnd, „und Herr Kerlholz hat mich schon vor einem Jahre versichert, daß du für die Hochschule reif seiest."
Gaston antwortete nicht, denn er wußte der ungewöhnlichen Festigkeit seiner Mutter nichts entgegen zu setzen, atz einen kleinen Trotz. Als ob sie diesen Trotz gar nicht bemerkte, sprach Violante nun in heiterem Ton zu Marien, die eben so antwortete. Gaston nahm erst nach längerer Zeit wieder Antheil am Gespräch, aber immer nur widerstrebend und von den beiden Frauen dazu aufgefordert. — Auch als Gaston seiner Mutter wie gewöhnlich zur Nacht die Hand küßte, that er es zum erstenmal in seinem Leben mit grollen- dem Herzen. Violante bemerkte wohl den Unterschied zwischen diesem und seinem gewöhnlichen Abschied, aber auch dies überwand sie, und als sei Alles im gewöhnlichen Geleise, sagte sie wie immer: „Gott mit dir, mein Kind!"
Am folgenden Morgen erschien er beim Frühstück ernst und niedergeschlagen. Violante hatte aus Kummer die ganze Nacht kein Auge geschlossen, aber sie wußte dieß vor den beiden Kindern zu verbergen. Als Gaston das Zimmer verlaffen wollte, rief sie ihn zurück und sagte: „Sage doch deinem Oheim, daß ich ihn um einen Besuch bitte."
Gaston beugte das Haupt zum Zeichen des Gehorsams und verließ das Zimmer. Unten ließ er sich ein Pferd satteln und trabte mit seinem Reitknecht nach Neu- Cronberg. Wenn er zu Pferd saß, war er immer der Vormundschaft seines Hofmeisters ledig, denn so oft sich Herr Kerlholz auch schon im Sattel versucht, so hatte das immer ein für ihn so demüthigendes Ende genommen, daß er es endlich aufgegeben, wodurch der junge Graf in seiner Leidenschaft für das Reiten nur bestärkt worden war; es schmeichelte seiner jugendlichen Eitelkeit nicht wenig, mindestens in diesem Punkte seinem Lehrer überlegen zu sein. Graf Eberhard konnte es sich selbst vor Gaston nicht versagen, über den steifen Hofmeister zu