Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischeu Allgemeinen Zeitung.
Äs. 188, Freitag den
12 August /M?.
Erfüllte wünsche.
Eine Erzählung.
(Fortsetzung.)
Als Violante mit ihrem Sohne die Treppe vor dem Schlöffe Hinaufstieg, er, der schöne, kräftige Jüngling, sie, die zarte, schwache, blasse Gestalt, da war eS rührend anzusehen, mit welcher Liebe und Sorgfalt er sie stützte und führte und mit welcher sanften Ergebenheit und Selbstverleugnung sie ihre Füße zu kräftigerem AuSschreiten zwingen zu wollen schien. — Eberhard ging ihr entgegen und wollte ihren Arm ans dem ihres Sohnes lösen, um sie selbst in den Saal zu führen, aber Gaston gab das nicht zu. — „Lassen Sie mir die Mutter, Onkel, ich bin gewöhnt sie zu führen und bilde mir ein, ich könnte es am besten." — Violante sagte nichts, aber sie drückte leise mit ihrer Hand auf den Arm ihres Sohnes.
„Sie müffen verzeihen, daß wir nicht zu rechter Zeit hier kingetroffen sind," sagte Violante zum Hausherrn, während sich alles um die Tafel reihte; „aber wir hatten ein Fest im Schlosse — Marie wurde heute confirmirt." — „Welche Marie?" — „Wie Sie fragen können! Ich habe ja keine andere Marie als meine kleine Pflegetochter." — „Ach ja — der Findling!" — „Ja wohl, der arme Findling!" — Violante betonte besonders das Wort „arm," weil sie ihrem Schwager dadurch zu versteh«: geben wollte, daß sie das, was er als eine Schmach anzusehen geneigt war, nur als ein großes Unglück betrachtete. Eberhard schien aber diese feine Zurechtweisung nicht bemerken zu wollen, denn er sagte in leichtfertigem Tone: „Solche Aufnahme, wie Sie dem Kinde in Ihrem Hause und in Ihrem Herzen gewährt, ist wohl noch selten einem Findling in einer vornehmen Familie geworden. Sie wird ja bei Ihnen gerade wie eine Tochter behandelt." -- „Und bin ich nicht reichlich dafür belohnt worden?" erwiederte Violante mit etwas krankhafter Gereizt- beit. „Ist sie nicht ein gutes, sanftes Kind, welches Gastons liebste Gespielin war? Wie meine Tochter halte ich sie aber nicht: ich werde sie nie in ein anderes Haus mitnehmen." —
„Das werden Sie nicht thun, weil Sie fürchten, daß andere Menschen dem Kinde seine Herkunft würden entgelten lassen." — „Seine Herkunft! Wer kennt sie denn?" — Eberhard lächelte boshaft. „Wenn man auch sagt, daß der beste Ruf einer Frau sei, wenn man gar nichts von ihr wisse, so möchte man doch zu weit gehen, wenn man dieß bis auf ihre Geburt erstrecken wollte."
Violantes bleiches Gesicht wurde roth, wie immer, wenn sie etwas bewegte, und sie sagte nur kurz: „Wir wollen über diesen Punkt den so oft geführten Streit nicht wiederholen. DaS können Sie mir doch nicht absprechen, daß Maria jedem Salon, den sie betritt, zur Zierde gereichen wird." — „Leider!" — „Warum leider?" — „Weil es nicht gut ist, daß unser Gaston, der ohnedem schon die Kinderschuhe ganz abgestreift hat, noch immer mit einem so hübschen Mädchen zusammen ist. Hat meine sonst so kluge Frau Schwägerin nie an diese Gefahr gedacht?"
Erschrocken blickte Violante in Eberhards spöttische Augen. „Nein, daran habe ich wahrhaftig noch nicht gedacht, aber ich danke Ihnen für ihre Warnung, obgleich sie jetzt wohl noch zu früh kommt. Gaston denkt an dergleichen noch nicht, er ist ja erst siebzehn Jahr alt, noch ein Kind!" — „Byrons Don Juan war mit fünfzehn Jahren kein Kind mehr." — Violantes wachsbleiches Gesicht wurde auch jetzt mit Purpur überzogen, aber aus einer andern Ursache als vorhin. Obgleich eine Frau von vierzig Jahren, hatte sie dennoch die Reinheit der Seele sich bewahrt, die Männer wie Eberhard nur mit der Unwissenheit der Jungfrau, die sie dann Unschuld nennen, vereinbar glauben.
Die Gräfin wandte sich jetzt zu ihrem andern Nachbarn, den sie sich als solchen von ihrem Schwager besonders ausgebeten, weil sie über einige Geschästösachen mit ihm zu reden hatte, und das lieber bei dic>er Gelegenheit als in ihrem Zimmer erledigte, wo er durch seine nie endende Redseligkeit sie oft ganz nervenschwach machte. Dieser Mann war ein getaufter Jude, aber die blonde Perrücke, so wie eine gewisse Bouhommie trugen dazu bei, den scharfen, charakteristischen Ausdruck seiner orientalischen Physiognomie zu mildern. ES