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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

ar. 182

Freitag den 3 Hugust

JSS».

Die geheimnisvollen Reiter.

Historisch.

In dem vormaligen wendischen Gau Drawän, welcher mit den übrigen alten Wendengauen Nering, Chein und Lennigau den nordöstlichen, von Mecklenburg und Preußen umschlosse­nen Theil deS Königreichs Hannover bildet, liegt ein kleines Dorf, über dessen unscheinbaren Häusern die Aeste und Kro­nen hoher Eichen ein dichtes Laubdach wölben. Ringsumher breiten sich fruchtbare Felder und Wiesen aus, welche hier und da von anmutigen Gehölzen umkränzt sind; am westli­chen und nördlichen Horizont gewahrt man die dunkle, schwei­gende Haide mit ihren Hünengräbern, Steinmalen und Föh­renwäldern, die finster von den Hügeln in die lachenden Ge­filde hinabschauen. Vor Zeiten unterbrach die ländliche Stille des Dorfs gar manchmal der lustige Klang eines Posthorns, da die Verbindungsstraße zweier benachbarten Städte den Ort durchschneidet und auf derselbe! früher ein Postwagen hin und her ging; jetzt aber ist der Verkehr in neue Bahnen gelenkt und die fröhlichen Wandermelodieen tönen nicht mehr durch die grünen Laubhallen des Dorfs kaum daß dann und wann noch auf der verlassenen Straße eine alterthümliche Landkutsche oder ein einsamer Fußgänger erscheint.

An einem trüben Novembernachmitlage in den Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts saßen in dem niedrigen Gastzimmer des einzigen Wirthshauses im Dorfe vier Gäste rauchend und trinkend an dem großen, schweren, tannenen Tisch und unterhielten flch mit Wirth und Wirthin von Welt-, Dorf- und Hausangelegenheiten. Da die meisten Personen slawischer Abkunft waren, so ward das Gespräch größtentheils in niedersächsisch-wendischem Dialect geführt, der mit dem un­schuldigen Buchstaben h in ewiger Fehde liegt, ihn stets von dort vertreibt, wo ihm die Jahrhunderte eine Stelle angewie­sen haben, und ihn da hinwirft, wo ihn die Etymologen und Orthographen einmal nicht dulden wolle». Nur Einer be­diente sich, im erhabenen Bewußtsein seiner ediern Abstam­mung und höhern Bildung, nicht dieses Dialectes es war der Herr Schulmeister aus einem benachbarten Kirchdorfe, I

eine lange hagere Gestalt mit faltenreichem blassen Antlitz, dessen Nase etwas auffallend Storchschnabelartiges hatte. Als ein halber Geistlicher undunendlich weiser" Mann und als ein Sohn der Provinz Kalenberg, deren Bewohner da ein au hören lassen, wo sich die wendischen Bauern mit einem o begnügen , und die als ächte Germanen von der Feindschaft gegen das h nichts wissen, hielt er es unter seiner Würde, plattdeutsch zu sprechen. Aus einer langen Pfeife rauchend, hörte er dem lebhaften Geplauder mit tiefsinniger Miene zu und warf auch dann und wann einige hochdeutsche Worte da­zwischen, welche von den übrigen Anwesenden in schweigender Ehrfurcht als wunderbare Orakelsprüche ausgenommen wurden.

Der Schulmeister hatte eben einen kleinen Ezcurs über das Kriegsgeschrei fern in der Türkei begonnen, da rief die Wirthin, die mit ihrem jüngsten Söhnchen am Fenster stand, mit Hintansetzung alles Respects gegen den redenden geist^ lichen Politiker plötzlich ganz laut ihrem Manne zu: Sieh einmal, Christoph, welch sonderbare Menschen dort ins Dyr^ hereinreitcn! Auf diese Worte hin eilten Alle ans Fenster und betrachteten die Ankömmlinge, zwei Reiter in fremder Tracht. Die müssen einen weiten Weg gemacht haben! sagte der Wirth; die armen Thiere können ja kaum schnaufen! Nun, die Menschen sind am Ende ebenso müde, meinte ein Bauer. Der Eine sitzt wenigstens so auf seinem Pferde, als ob er jeden Augenblick herunterfallen wollte!

Die Reiter stiegen ab. Der Wirth eilte ihnen entgegen. Ein Trupp jugendlicher Wenden mit glotzenden Augen und offenen Mäulern folgte ihnen. Der Wirth ries seinen Knecht, befahl ihm, die Pferde in den besten Stall zu führen und lud die Fremden ein, ins Haus zu treten. Ihre Erscheinung im Gastzimmer versetzte die Anwesenden in neue Verwun­derung. Der Jüngere war eine hohe, wohlgewachsene, breit­schulterige Gestalt und mochte etwa dreißig bis fünfund- dreißig Jahre zählen. Sein gebräuntes Antlitz trug einige Spuren von Pockennarben; Kinn und Lippen umgab ein ver­nachlässigter struppiger brauner Bart, seinen Scheitel bedeckte eine schwarze Perücke. Seine Miene war freundlich-ernst, der Blick seiner dunkelblauen, lebhaften, feurigen Augen verrieth