Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Hr. 1S1.
Donnerstag den 4. August
I«O.
Der Schmied von Heunesetd.
Erzählung von L. Nell st ab.
(Schluß.)
8.
ES war ein finsteres enges Gewölbe mit eisenvergittertem Fenster; dort lag auf dem Stroh in Ketten, ein Mann von riesiger Gestalt, mit sehnigen, knochenstarken Armen; doch das Gesicht war bleich und abgezehrt und der lange, struppige
• Bart hing wild umber. Da klirrten die Riegel, die Thür öffnete sich und ein Greis mit ehrwürdigem Silberhaar, wie ein Heiliger anzuschauen, trat in den Kerker.
„Was wollt Ihr?" rief der Gefangene mit rauher, hohler, heiserer Stimme: „Mich nochmals quälen? Ich bedarf Euerer nicht!"
„Mein Sohn," sprach bet greise Pfarrer von Goldenau, „weise mich nicht zurück! Es ist das letzte Mal, daß ich zu Dir komme. Noch eine Stunde scheint Dir diese irdische Sonne. Dann begleite ich Dich auf Deinem letzten Wege! Dein Urtheilsspruch wird nun vollzogen I"
„Wie?" rief der Schmied, und rasselte wild mit den Ketten und wollte emporspringen, doch die Bande fesselten ihn an die Maner und er konnte sich nur halb aufraffen. „Wie? Das Urtheil ist bestätigt, trotz meiner Unschuld und mein Gnadengesuch verworfen?"
„Mein Sohn!" sprach der Pfarrer; „leugne länger nicht! Den irdischen Richter konntest Du dadurch nicht beirren, reize nicht den himmlischen! In einer Stunde stehst Du vor seinem Angesicht!"
Da war es, als ob ein Feuerhauch des Ewigen den eisernen Trotz des Verbrechers zerschmolz; er wand sich auf dem Lager, wie eine getretene Schlange, er heulte laut auf, er schrie, daß eS einen Stein hätte zerreißen mögen, dann warf er sich auf die Kniee, suchte die geketteten Arme zusammenzubringen, die Hände zu falten und zu beten. Doch er konnte nichts, als das Wort: „Gnade, Gnade," wimmern. Dann sank er kraftlos zusammen. —
^Erwarte sie nicht mehr hier, erwirb sie Dir dort," sprach .
der Pfarrer und deutete mit der rechten Hand nach oben, während er die linke sanft auf das Haupt des Schuldigen legte. Da ergriff sie derselbe, wie im Fieber zitternd, alt seinen beiden Händen, drückte sie, küßte sie und benetzte sie mit heißen Thränen, den ersten seines Lebens!
Und nun drängte es ihn, zu beichte». „Ja," rief er, „ich habe Alles gethan, dessen ich angeklagt bin und «ehr als das. Wollust und Habsucht verschlangen meine Seelh um sie zu sättigen, scheute ich Nichts. Ich fühlte, daß ich ein Recht hatte, die Menschen zu beherrschen, denn ich wM riesenstark, kühn, verwegen; aber zehnmal stärker als â waren meine wilden Triebe. — Ich habe den Brand zk Oberlingen angelegt, um das Geld aus der Attttseaffe W rauben, — es war mir gelungen t Es geschah, während ich auf der Flucht war, aus Schwaben, wo ich der Tochter mei» ues Meisters Gewalt angethan! — Ich meinte, wenn ich hciratbete, würde ich Ruhe haben. So »ahm ich die Tochtop des Schmieds. Aber bald war ich ihrer satt! — Ich hatte des Müllers Tochter gesehen. Um sie wollte ich werben Da mußte ich Vater und Mutter los sein. Dem Vater Hut nicht der Schlag eines Pferdes, ihm hat mein Hammer den Schädel zerschmettert. O! — Ok — Weh mir!" — rief er und rang die Hände.
„Und die Tochter?" fragte der Pfarrer bebend. „Ist sie nicht natürlichen Todes gestorben, hat sic nicht das Kind erdrückt?"
„Nein! Nein!" wimmerte der Schmied. „Ach, betet für mich um Gnade bei dem Allmächtigen. Ich erstach sie mit einer langen, feinen Goldnadel dicht unter der Brust. Die Wunde war nur ein Pünktchen, Keiner hat sie entdeckt, ich brach die Nadel in der Brust ab, sie muß im Sarge zu finden sein!" —
Der Pfarrer starrte. „Und das Kind?"
„Ich legte cs unter die Leiche der Mutter — so er, stickte es — dann war ich allein, in Besitz von HauS und Hof!" — >
„Doch Ihr wäret abwesend, wie bei Lishcth's Tode?" fragte der Geistliche.