Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 178.
Montag den 1. August
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Der Schmied von Heunesetd.
Erzählung von L. Rell st ab.
(Fortsetzung.)
6.
Der alle Pfarrer saß in seinem Lehnstuhle. Vor sich hatte er die große Bibel auf dem Tisch und die gefalteten Hände ruheten auf dem heiligen Buch. Er sann über den Text nach, den er sich zur Rede für den morgenden Sonntag gewählt. Die letzten Strahlen der Abendsonne zitterten so eben noch röthlich an dem Waldsaum und spielten um das Gesims des Zimmers und um die grauen Locken des Greises.
„Kann ich doch nicht zu einer reinen Andacht kommen über all den dunkeln schwarzen Gedanken, die mir durch die Seele gehen", sprach er vor sich hin. „Immer steht das liebe Bild der Jungfrau vor mir und ich vergleiche sie ihrer Schwester; es ist, als sei die Selige noch einmal zurückgekehrt aus dem Jenseits in das irdische Leben und beginne ihren Wandel zum zweiten Male. So ähnlich ist die Jüngere der Borangegangenen!"
Ein bescheidenes Pochen an der Thür der Pfarrstube unterbrach die Gefühle und Gedanken des Greises. Er ries: „Herein!"
Die Thür öffnete sich und zu seinem hohen Erstaunen trat der seltsame Spielmann ein.
„Vergebt mir, ehrwürdiger Herr", begann er mit bescheidenem Ton der Stimme, „wenn ich Euere frommen Betrachtungen störe. Allein mich führt ein wichtiges Anliegen hierher, das keinen Aufschub duldet!"
Der Pfarrer war staunend aufgestanden, ging dem seltsamen Gast entgegen, bot ihm freundlich die Hand und erwiderte: „Redet, Lieber, wenn ich Euch in etwas dienen kann, geschieht es gerne und in christlicher Liebe!"
//Zuvor, würdiger Herr, muß ich Euch bitten, daß Ihr, was ich Euch jetzt vertraue, in tiesster Verschwiegenheit hinnehmen möget, als sei es eine kirchliche Beichte!" — Die Verwunderung des Pfarrers wuchs, er sah den Fremden fra
gend an. „Auch muß ich versichert sein, daß uns Niemand hört, noch stört!"
„Setzt Euch und redet," erwiderte der Greis. „Wir werden ganz ungestört sein, auch gelob' ich Euch Verschwiegenheit, so weit mein Amt und Pflicht sic mir gestatten."
Der Spielmann nahm seinen Sitz dem Sessel des Pfarrers gegenüber.
„Ich bin so alt noch nicht, ehrwürdiger Herr, als mein weißes Haar vermuthen läßt; das haben die schweren Schicksale meines Lebens gebleicht! Ich bin noch in voller Manneskraft, — ich zähle fünf und vierzig Jahre. — Achtzehn Jahre sind es nunmehr her, daß ich schon einmal in die Nähe dieses Dorfes kam. Ich wanderte bei Nacht. Es fehlte mir an Geld, um eine Herberge zu besuchen. An der Landstraße traf ich ein Gehöft; es lief ein hoher Zaun herum, die Thüren waren verschlossen. Ich traute mich nicht, Jemanden zu wecken. Ein Regenwetter drohte. An der Giebelwand deS Hauses stand ein alter Nußbaum, den kletterte ich hinan, um von dort auf den Heuboden im Hinterhaus zu kommen. Es ging nicht. So mußte ich auf dem Baum zubringen, dessen dichte Krone mir einigen Schutz gewährte. Ich hatte das Fenster der Giebelkammer vor mir. Es mochte Mitternacht sein, als ich unten am Zaunthor ein Geräusch hörte. Eine dunkle Gestalt öffnete es mit einem Schlüssel. Leise schlich sie über den Vorhof, schloß auch die Hausthür auf und verschwand. Der Mann mußte in'S Haus gehören. Wenige Minuten darauf wurde eS plötzlich hell in der Giebelkammer. Das heißt, ich sah durch das runde Lichtloch in dem Laden, mit dem daS Fenster geschlossen war, Licht schimmern und hörte eine weibliche und eine männliche Stimme. Sie sprachen einige Minuten, was ich nicht verstehen konnte, dann wurde es wieder dunkel und stille. Allein es währte nicht lange, so blitzte plötzlich wieder der helle Schimmer durch das runde Loch im Laden; es mußte darinnen ein Licht angezündet sein. Ich suchte auf einem Aste näher zu kommen und hinein zu schauen. Da sah ist, was ich bis an's Ende mei» nes Lebens nicht vergessen werde. Gerade fiel mein Blick durch das Lichtloch im Laden aus daS Angesicht einer schla-