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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Nr. 166.

Montag den 18 Juli

185.3.

Der Provisor.

Eine Erzählung auS dem schwäbischen Volksleben von Louise Pichler.

(Fortsetzung.)

War aber seine Stellung im heimathlichen Dorfe eine unnatürliche, vereinsamte, so war sie dieß noch mehr im väter­lichen Hause. Der FuchSbauer war ein Mann, der mehr Ei­genheiten hatte als ein anderer, vielleicht in Folge seiner ein­samen Wohnung. Immer war er Herrscher in seinem Hause gewesen: nun beengte es ihn, in seinem eigenen Sohne einen Herrn" im Hause zu haben, den zu schelten sich nicht mehr schickte, de» er überhaupt nicht nach Laune und Willkür be­handeln durfte. Er rächte sich dafür durch eine spöttische Förmlicheit, die er beobachtete, und die den von Natur zur Empfindlichkeit geneigten jungen Mann tiefer verletzte, als eine Behandlung in seines Vaters natürlicher rauher Weise hätte thun mögen.Ehehalten" und Taglöhner richteten ihr Betragen nach dem des Hofbauern, und das natürliche Ge­fühl der Mißgunst gegen einen, der während ihrer sauern Ar­beit behaglicher Ruhe zu Hause sich erfreute, trug noch seine Schärfe dazu bei. Wollte aber der Provisor in demselben Gefühle zuweilen mit Hand au die Arbeit legen, so wurde er höhnend abgewiestn, und man fand willkommene Gelegenheit, die gewöhnlich beobachtete Höflichkeit einmal bei Seite zu setzen. Selbst die sorgsame Zärtlichkeit der Mutter, die im- mbr noch das pflegbedürftige Kind in ihrem Liebling zu sehen schien, ward dem jungen Mann oft zur unerträglichen Pein. Oft hatte er, die besondern Gerichte zurückweisend, sich an den Familientisch setzen wollen, aber ihr besorgtes:es taugt nicht für dich; du kannst ein Bauernessen nicht vertragen," verhinderte ihn, und wenn er ein oder das andere Mal die Probe machte, fand er freilich, daß sie nicht Unrecht hatte.

Doch dieß alles ließ sich noch ertragen, wäre nicht das Verhältniß zu seinem Bruder gewesen. Schon in den Kin­derjahren hatte sich in Iohannes sonst gutem Gemüth ein Wi­derwillen gegen den kleinen, weinerlichen Bruder festgesetzt, ( um dessen willen er ob all der Neckereien, die er einmal

nicht lassen konnte, zahllose Scheltworte nnd Schläge davon­getragen hatte. Die Brüder wuchsen heran; der Erbe des Fuchshofes zeigte keinen Hochmuth, aber er hatte ein Selbst­gefühl, das im Dorfe nirgends anstoßen konnte. Unerträglich wurde für dieses der Bruder, der, vermöge seiner höheren Bildung, stets über ihm stehen mußte, und dieß auch um so fühlbarer geltend machte, je mehr er durch stete Angriffe ver­letzt und gereizt wurde. Gerade in Iohannes geflissentlicher Rücksichtslosigkeit, in seinen Angriffen gegen den Provisor lag die bündigste Anerkennung von dessen geistigem Ueberge- wicht; aber dieß ahnte Gottfried nicht, und so fühlte er nun das Verletzende am Betragen des Bruders, der für seinen allzeitfertigen, aber minder gewählten Witz einen unerschöpfli­chen Gegenstand im gebildeten und doch ungelenken, ihm in Regsamkeit an Geist und Körper nachstehenden Provisor sand. Gottfried mochte schweigen oder reden, sich zurückziehen oder dem Familienkreis nähern, Iohannes fand immer Grund, ihn lächerlich zu machen. Und so setzte sich auch in Gottfried gegen den Bruder, dessen er sich auf keine Weise erwehren konnte, ein Gefühl fest, das dem des Hasses nahe verwandt war. Die gegenseitigen feindseligen Gesinnungen aber nah­men an Bitterkeit zu, je mehr die Brüder fühlten, daß sie sich die nächsten Freunde sein sollten, daß ihre Feindschaft un­natürlich und Gott und Menschen mißfällig sei.

Gottfrieds lebendigste Sehnsucht unter all diesen Ver­hältnissen war Entfernung von der Heimath. In einem andern Dorfe, wo keine dieser Beziehungen zwischen ihm und andern eine Spannung erregte, da erst konnte er sich wohl befinden, konnte er eine angemessene Stellung behaupten, ohne irgend jemand zu verletzen, oder auf freundschaftlichen Umgang zu verzichten. Aber dagegen stemmte sich der Fuchsbauer mit all der Hartnäckigkeit, die, jeder vernünftigen Beleuchtung unzugänglich, so schwer zu bekämpfen ist. Ein Bauer ist nicht gewöhnt seine Kinder in die Ferne zu geben, und hier zeigte sich noch dazu die lockendste Aussicht aufdieSchul- meisterstelle im Dorfe. Selbst die Mutter, die sonst so bereit­willig Gottfrieds Wünsche unterstützte, war dießmal auf Seite des Vaters; sie konnte den Sohn nimmermehr gutwillig ihrer