Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Wh INI Dienstag den 12. Juli /«s»
Geistige Liebe.
Bon Emil Souvestre.
(Fortsetzung.)
Als endlich der Tag erschien, verließ Stanley sofort den Gasthof und, von den ihm zugekommenen Nachweisungen geleitet, befand er sich bald darauf vor einem großen, stattlichen Hause, welches man ihm als die Wohnung des Generals Mathieu Simmers bezeichnete. In demselben Augenblick seiner Ankunft trat ihm aus dem Hofraume — ein Leichenzug entgegen. — Die Ausschmückung des Sarges verrieth, daß er die Leiche eines jungen Mädchens enthielt, die in ihrer jungfräulichen Reinheit zu Grabe getragen werde.--Stanley stand in der Straße, dem Hofthore gegenüber; er stützte sich an der Mauer, um nicht zu sinken, und bedeckte die Augen mit der Hand, um das Entsetzliche nicht zu sehen. Er zitterte, weinte, schwankte und vermochte, vom Kummer übermannt, weder zu sehen, noch zu gehen. Dieser Zustand dauerte mehrere Minuten; dann — plötzlich — erhob ihn aus diesem Abgrund von Leiden sein frommes und starkes Gemüth mit einer bewunderungswürdigen Kraft. Er entriß sich seiner Erstarrung und sah dem Leichenzug nach, der langsam fortschritt und eben um die Ecke einer Straße bog. Er folgte ihm von weitem, mit einem bald festen, bald schwankenden Schritte, je nachdem in dem furchtbarsten Kampfe die Verzweiflung entweder siegte oder unterlag.
Der Zug erreichte jetzt das Gitterthor des Begräbnis Platzes; je näher er dem Grabgewölbe kam, je zögernder wurde sein Gang. — Jetzt hielt er an. — Ein Priester, in der Amtstracht der anglikanischen Kirche, sprach in gefühlvollen Ausdrücken von der Herzensgüte, der Liebenswürdigkeit und allen Tugenden der so früh Verstorbenen; von dem Schmerze ihrer, nach Gottes Willen, so hart geprüften Eltern, deren höchstes Kleinod sie im Leben war; er erinnerte daran, wie sie rein und unbefleckt, im festen Vertrauen auf die Gnade de- Allerhöchsten und das. Verdienst unseres Heilandes, zu einem erhöhten Dasein entschlummert sei und schloß mit einer eindringlichen Hinweisung auf die Unsterblichkeit unseres Gei
stes, welche den Schmerz der Umstehenden mildern und die Hoffnung auf ein dereinst beseligendes Wiedersehen erhöhen konnte. — —
Die Verwandten und Freunde der Hingeschiedenen entfernten sich langsam nach beendigter Feierlichkeit, nur ein noch rüstiger, sich aufrecht haltender Greis konnte sich nicht von dem Grabe loSreißen und bemühte sich vergebens, die lauten Ausbrüche seines Schmerzes zu unterdrücken. Es war Anna^S Vater. — Einige Freunde führten ihn endlich mit sich fort, Lord Stanley, der sich unter die Menge gemischt und alle die herzzerreißenden Scenen in der Nähe mit angesehen hatte, glaubte allein zu sein. Er nahete sich dem Grabe und betrachtete cs mit starrem, nichtssagendem Blicke; der in seinem Herzen gährende Kummer hatte seinen Kopf eingenommen und ihn in einen wüsten, anscheinend unempfindlichen Zustand versetzt; man erkannte seine Leiden nur an der erstarrten Thräne, die an seinen Augenlidern hing und dem ununterbrochenen Stöhnen, welches seine Brnst schwellte. Und dabei, rings um ihn her, immer noch das heiterste Wetter, der Gesang der Vögel, die Lust des erwachten Frühlings! — Ein leichter Luftzug, aus den westlichen Waldungen, strich über die Gräber und bewegte sanft die Cypressen und Trauerweiden, die sie beschatteten; ihr Geflüster war der einzige Laut, der sich an dieser Stätte des Todes vernehmen ließ; nichts störte hier die Nachtgedanken des einsamen Denkers. — Stanley stand hier, allein mit seinem Kummer, unbeweglich an den Boden gefesselt, starr, wie das Marmorbild eines Grabmahls, als sich ihm ein Mann näherte, der ihn schon seit einiger Zeit mit großer Aufmerksamkeit ins Auge gefaßt hatte und seine Schulter jetzt mit der Hand berührte. Stanley wandte sich mit dem Ausdruck des Unwillens gegen den Unbekannten, dcr ihn jo plötzlich in seinen Nachdenken störte. — Cs war ein Mann in mittlerem Alter, mit einem schönen, von Herzensgüte zeugenden GeflchtSausdruck, der unwillkührlich den Beschauer anzog und ihn einnahm. Er betrachtete Stanley mit der lebhaftesten Theilnahme.
. „Sie sind Sir Charles Stanley?" sagte er in halb fra- ’ gendem Tone.