Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Mass attischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 160. Montag den 11. Juli /«;»
Geistige Liebe.
Von Emil Souvestre.
(Fortsetzung.)
Stanley wurde plötzlich aud seinem Glückseligkeitstraume durch einen vierten Brief ans Boston erweckt, der weder die Handschrift Anna's noch die ihres Vaters zeigte. Er enthielt das Folgende in französischer Sprache:
„Mein Herr! — Indem Miß Anna einen Augenblick benutzt, wo ihre Leiden ihr zu sprechen gestatten, ersucht sie mich, Ihnen zu schreiben und Sie von dem Zustande in Kenntniß zu setzen, in welchem sie sich jetzt befindet.
„Es schmerzt mich tief, Ihnen eine so traurige Nachricht über eine höchst liebenswürdige Person mittheilen zu müssen, für welche ich die innigste Freundschaft, die treueste Ergebenheit empfinde. Seit drei Wochen ist sie von einer Krankheit befallen, die sich durch einen Grad von Ermattung, 'durch £hp~ sten, einen Schmerz am Herzen und andere sehr bedenkliche' Störungen äußert, welche ihr furchtbare Schmerzen verursachen. Ich bin der Arzt ihrer Familie und der ihrige schon seit mehreren Jahren, und kenne ihre Natur auf das Genaueste; ich trage daher kein Bedenken, vor Ihnen mit Aufrichtigkeit meine Ueberzeugung auSznsprechen, daß ich noch nicht die Hoffnung, sie am Leben zu erhalten, aufgebe; sollte sich aber binnen hier und fünf Tagen keine sichtliche Besserung einstellen, so wird ihr Tod unvermeidlich sein und nur noch um Wochen, höchstens um Monate verhindert werden können. Verzeihen Sie diesen strengen, mir von der Wissenschaft vorgeschriebenen Ausspruch; ich habe immer geglaubt, daß in einem Falle, wie dieser, nichts grausamer sei, als eine unzeitige Verheimlichung und Schonung. Nachdem ich so meine traurige Pflicht als Arzt erfüllt habe, beeile ich mich, die Aufträge der Miß Anna an Sie zu bestellen. Sie wünscht, daß Sie England mit dem nächsten Packetboot verlassen, indem cs jetzt gewiß ist, daß ihre Eltern, welche diese Tochter anbcten, sich keinem ihrer Wünsche widersetzen werden. Ich freue mich, Ihnen diesen Umstand mittheilen zu können, weil er mit der Hoffnung in Verbindung steht, daß ihre Verlobte ,
die sie bedrohende Krankheit glücklich überstehen wird. Wie aber auch die Entscheidung des Schicksals ausfallen möge, so wird Ihre Ankunft in Boston doch nicht vor Miß Annâ Tod oder Genesung stattfinde» können. Ich ersuche Sie jedoch, sich möglichst zu beeilen, indem ich voraussetze, daß die Wünsche der theueren Kranken für Sie Gesetze sind. Sie werden dann in jedem Falle erfahren, auf welche Weise Sie mit ihr in Verbindung getreten und der Gegenstand ihrer Liebe geworden sind, auch wie es sich zutrug, daß ich mit in dies Verhältniß gezogen wurde. Genehmigen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner vollkommenen Hochachtung, - Louis Varelle,
Arzt zu Boston."
Stanley mußte die ganze Kraft seines Geistes anstrengen, um nicht dem Eindrücke dieser Nachrichten zu erliegen. — So hatte ihm denn das Schicksal in geheimnißvoller Ferne 1M"Jde«ch-semer Träume gezeigt, nur damit er am Ziele den kalten Marmor eines Grabsteins umfasse! Was war es für eine Krankheit, welcher der Arzt keinen bestimmten Namen zu geben wußte, die so furchtbar war, daß sie dem lieblichen Munde dieses jungen Mädchens, der nur bestimmt schien, Worte der Liebe zu flüstern, kaum auf Augenblicke die Sprache gestattete, als habe ihn bereits der Tod mit seinem kalten Siegel geschlossen? — Und dieser furchtbare Ausspruch des Arztes! —- Also fern von ihm, jenseits des Meeres, sollte der Schluß des Dramas vor sich gehen, von dessen Entwickelung sein ganzes Leben abhing! — Wie schön, wie liebenswürdig mußte sie sein, das sogar das am Krankenbette abgestumpfte Gefühl des Arztes sich mit so warmer Freundschaft über sie aussprach! War es zu verwundern, daß er sie liebte da, sie bei den heftigsten Schmerzen seiner gedachte, ihm schreiben ließ? — — — Doch, warum sollte er an der Barmherzigkeit Gottes zweifeln ? Warum gleich das Schlimmste befürchten? Vielleicht genas sie wieder und es war nur eine Prüfung des Himmels, nm ihm das unermeßliche Glück, welches sie ihm gewähren konnte, noch fühlbarer zu machen! — — Alle diese Gedanken durchflogen sein Gehirn, wie Wolken vom Sturm gejagt, und verbreiteten bald dunkle