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Der Wanderer. * ^(♦Ka--

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Ne­tter

Sr. 130.

Mittwoch den 28 Lun»

Vie Schwestern.

Eine schwäbische Dorfgeschichte von Louise Pichler.

sFortsetzung.)

Indeß der Sommer kam; das Feldgeschäft war im größten Gedränge, und die Arbeit ist das Mittel auch gegen den verzweifeltsten Seelenschmerz. Iacob hatte als der ein­zige Sohn, dessen Vater bereits alterte, so viel und mannig­fache Arbeit über sich, daß er manchen Tag kaum zu sich kam und Nachts vor körperlicher Müdigkeit in den Schlaf fiel, ehe er seinem Leide nachsinnen konnte. Während dessen war Kâtherle's Entschluß auszuwandern, im Dorfe bekannt und allseitig besprochen worden. Die wahre Ursache ahnte man nicht, man sah es für Wanderlust an, und wußte auch, daß sie au lyrâ Aruver immer besonders auhäuglich war. Viele meinten, daß ihr lustiges Wesen und ihr Vorwiß im­mer so etwas habe erwarten lassen, und daß sie über's Meer noch leichter tanzen würde, als andere auf dem festen Boden gingen. Bei all' dem aber hörte Iacob so viel und so von allen Seiten davon sprechen, daß er sich allmälig selbst an den Gedanken gewöhnte, der ihn anfangs zur Verzweiflung hatte bringen wollen. Er blieb der Ermahnung des Schrei­bers eingedenk und versuchte weiter nicht, das Kätherle zu sprechen, er schämte sich weniger standhaft zu sein, als sie war und dadurch, daß alle Verbindung abgebrochen war, während doch Kätherle noch im nämlichen Dorfe mit ihm wohnte, er schien sie selbst ihm nach und nach fremder.

Zu seinen Wirthshauskameraden kehrte er nicht zurück, dies Leid wollte er dem Kätherle nicht anthun, der er sonst keine Liebe mehr erweisen konnte. Auch ihm selbst lag jetzt nichts mehr an lustiger Gesellschaft. Die Wildheit seines Wesens war gebrochen, seit er Gewißheit hatte, daß Kätherle ihn liebe; es lag ihm nicht mehr daran, sich zu zerstreuen wie damals, als ob ihrem Kaltsinn sein Trotz erwacht war. Er mochte lieber stille seinen Gedanken nachhängen. Am liebsten brachte er seine Sonntagsabende bei Georg zu, der einmal sein Vertrauen gewonnen hatte. Dessen ruhiges, besonnenes Wesen führte auch Iacobs Gemüth allmälig mehr ins Gleich«

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dei gewicht zurück und bestärkte ihn in seiner Standhaftigkeit, ob­wohl ste selten geradezu von der Sache redeten.

So kam der September herbei, die Zeit der Abreise, die Kätherle gleich sehr ersehnt und gefürchtet hatte. Alles war an gerüstet, alle nöthigen Formalitäten beendigt. Endlich hatten a^ die Geschwister noch in jedem Hause des Dorfes, so wie bei ,uf den auswärtigen Verwandten sich verabschiedet.

Auch in Jacob's Haus waren sie gewesen, so sauer eS foe Kätherle ankam, so wollte sie doch das Aufsehen vermeiden. ^ Dabei bewegte sie die heimliche Hoffnung in sich, Iacob noch ut einmal zu sehen, und ihm in Gegenwart der Andern noch eing Bhüet Gott" und eine Hand geben zu können. Doch Ja- nf cob war aus dem Felde, als sie in's Haus kamen, und so y sahen sie ihn nicht.In Gottes Namen, es ist vielleicht r besser so!" seufzte Kätherle für sich; aber ein schmerzliches , Gefühl blieb ihr zurück von dieser letzten fehlgeschtagenen Hoffnung.

Iohannes war auf den letzten Abend noch einmal von den ledigen Buben deS Dorfes, seinen Kameraden, in die Rose cingeladen worden, Kätherle ließ sich von der Mutter früh zu Bett geleiten, denn sie wollten bald nach Mitternacht abfahren; Georg, ihr Schwager, sollte sie in einem Wägelein bis Heilbronn bringen, wo sie das Schiff bestiegen; eine Ei­senbahn war damals noch nicht gebaut. Schluchzend drückte die Mutter im stillen Kämmerlein der Tochter die Hand und ging schnell hinaus, um durch neues Jammern ihr nicht die nöthige Nachtruhe zu nehmen. Sie hatte einst Alles so ganz anders für ihr Herzblatt, das Kätherle, ansgedacht!

Doch auch sie hatte sich ja allmälig in den Entschluß der Auswanderung gefügt,sie habe sich schon in so Vieles x ergeben lernen müssen, so soll's auch darein noch sein!" hatte sie nach langem schwerem Kampfe geäußert. Aber Kätherle konnte nicht schlafen, so besorgt auch die Mutter darum ge­wesen war, War's doch die die letzte Nacht, die sie in der Heimath, im Vaterhause und in einem Dorfe mit Iacob zu- brachte! In diesen Gedanken trat sie ans Fensterlâdchen, und schaute zu den Kirschbäumen hinüber. Schon fiel das Herr- I lichste Laub von ihren Kronen ab.