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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Xr. 144.

Mittwoch den 22 Juni

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Die Schwestern.

Eine schwäbische Dorfgeschichte von Louise Pichler.

(Fortsetzung.)

Darüber hatten sie das andere Dorf erreicht. In der ersten Gasse stand das der Bäuerin, in deren Dienst sie stand. Bis hierher hatte Georg sie begleitet. Noch war's in den Gassen still, nur von dem Hause herab drang der Gesang der versammelten Secte.

Jetzt erst kam Annemrei zu sich; als ob sie aus einem Traume erwachte, rief sie ihm zu:Laß mich, Georg, gehe heim, um GotteSwillen!"

Geben soll ich?" antwortete er;ist das Dein Ernst, und soll Alles vergeblich sein, was ich zu Dir gesagt habe? Annemrei, sag ein Wort, daß Du mein werden willst!"

^Heftig pochte des Mädchens Herz, eine Zeit lang Wen sie zu schwanken ; sie blickte aufwärts zum lichtgestirnten Him­mel, dann aber senkte sich ihr Blick und blieb am Schimmer des Oellämpchens haften, das aus dem Fenster des Hauses schimmerte. Der Gesang von innen war jetzt verstummt.

Aber in Annemrei erwachte jetzt Alles wieder, waS in der letzten Zeit ihr Herz-eingenommen hatte; es waren nicht allein mehr GewissenSzweifel, die ihrer Liebe zu Georg im Wege standen; cs war auch geistiger Stolz, der gefährlichste in seiner Art.

Es kann nicht anders sein," sprach sie mit plötzlich wie­der erlangter Festigkeit, und bot ihm kalt die Hand hin. Bhüet Dich Gott, ich kann keinen Theil an Dir haben, Du hast das rechte Licht nicht!"

Annemrei!" rief wie zum Tode getroffen der Schreiner auS;ift's Dein letztes Wort? sag's! dann schnür' ich mein Bündel und ziehe wieder hinaus in die Fremde!"

Kalt überrieselte es das Mädchen; ihre Hand zitterte, und ihre Stimme war lautlos aber sie sagte:mein letztest"

Er ließ ihre Hand fahren und wandte sich heimwärts; er schaute nichts Anderes mehr, auch nicht, daß indeß Leute

aus dem Hause getreten warem Annemrei blickte ihm nach, und es war ihr, als möchte sie sterben. Georg ging heim;

eisig kalt war's ihm um's Herz geworden, wie es draußen auf den Fluren lag; und daruuter tröpfelte das Blut nur langsam hin, und machte das beengte Herz zucken, wie im Schmerze. Mitleidig schienen die Sterne auf ihn herab zu blicken, als ob es soviel Augen wären; ihn trösten konnten sie nicht. Mußte er darum freien Herzens von der Fremde zurückkehren, um dasselbe in der Heimath kranken zu lassen? Hatte er nicht manche hübsche, freundliche Mädchen gesehen in der Welt draußen, die alle ob dem kalten Schwaben sich wunderten; und seit er in dies ernste Auge geblickt, mußte sein Herz sich in Liebe entzünden? So kam er in's Dorf zu­rück. Aus einem der ersten Häuser schimmerte ihm helles, Licht entgegen; man hörte drinnen lachen und jubeln und tollen. Es war eine Lichtstube. Der Schreiner seufzte, es ward ihm weher um's Herz, da, er all die Lustigkeit ansah. Indem er aber weiter gehen wollte, sah er einen Menschen aus dem Wege an einem Baume stehen, der unverwandten Blickes nach dem Fenster der Lichtstube schaute. Mit Ber- wunderung erkannte er Jacob, den lustigsten aller ledigen Burschen.Was thust Du hier? ich meinte, Du solltest vor den Anderen dort droben sein!" redete er ihn an.Für mich ist droben nichts mehr zu suchen; ich schaue hinauf, nur mir selbst zum Aerger!" sprach bitter der reiche Bauernsohn. Ein Wort gab das andere; die Beiden fühlten bald, daß sie in gleicher Gemüthsverfassung wäre», drum offenbarten sie ein ander ihr Leid.

Es ist Eine doch wie die Andere," schloß Jacob,und wenn sie sonst noch so ungleich sind, darin sind sie einig, daß sie uns für Narren halten; sie sind nicht werth, daß wir's uns zu Herzen nehmen!"

Aber obwohl auch der Schreiner damit überelnstimmte, wollte eben doch der Trost Keinem sonderlich zu Herzen ge­geben-. Jacob mochte nicht zu seinen Kameraden zurückkehrrn die in allerlei tollem Jubel die Nacht Einbringen wollten. Georg konnte nicht schlafen, so kamen sie denn überein bei­sammen zu bleiben; Jacob begleitete de» Schreiner nach sei­nem Hause; dort holte dieser einen Krug Apfelmost vom Kel­ler heraus und schürte das noch nicht erloschene Feuer im