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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Sr. 140.

Lreilag den 17. Juni

/m

Vie Schwestern.

Eine schwäbische Dorfgeschichte von Louise Pichler.

(Fortsetzung.)

Annemrei, deren jugendliche Seele mit seltenem Schwünge begabt war, fand kein Genügen mehr an der schlichten Herz, ichkeit, womit sich ihre Bekannten an den kindlich großen Wahrheiten ihres Glaubens erfreuten. In einem Nachbar- )vrfe hatte eine Sekte sich gebildet, deren Zusammenkünften Hun eintet einmal angewohnt hatte. Da ward ihr Geist zu chwindelnden, blendenden Höhen und dunklen, mystischen Tie- cu hingeführt. Hinreißend, fesselnd, zündend wirkte, was sie )a hörte, auf sie ein. Sie schloß sich ganz an die Sekte an. Über neben der brennenden Begier nach religiöser Erleüch- ung entwickelte sich in ihr auch eine stolze Selbstgerecht»;- eit und eine lieblose Engherzigkeit. Sie hielt für gottent- rcmdct, wer nicht zu der Gemeinschaft der Sekte hielt. Den kirchlichen Gottesdienst fing sie an zu meiden, über die reli­giöse Erkenntniß und den Glauben ihrer einfachen Nachbarn and Bekannten mit mitleidiger Verachtung Hinwcgzuschauen.

Zu ihrem Bruder Johannes stand sie gleichgültig, denn sein Stolz vertrug den ihrigen nicht gut. Um so mehr hing die jüngere Schwester, das Kâtherle, an demselben, wie diese überhaupt ganz verschieden von Annemrei war; immer heiter und guter Dinge, schelmischer Einfälle voll, das Ebenbild der Mutter, deren Herzblatt sie war, obgleich die muntere Frau dies kaum vor der strengen älteren Tochter zu verrathen wagte. Sie hatte nicht die regelmäßig schönen Züge ihrer Schwester, aber man konnte das frische, runde Gesichtchen mit den Heitern blauen Augen und den blonden Haaren nicht be­trachten ohne Wohlgefallen; klein von Wuchs war sie doch zierlich und flink wie ein Vögelein, und wenn das Züngcheu selten zu ruhen vermochte, so brachte es doch nichts hervor,, was nicht Sinn und Witz hatte. Sie war vertraut mit allen Mädchen im Dorfe, und wenn sic cs auch zehnmal mit einer Gespielin durch eine schnelle Rede verdarb, so konnte doch keine ihr lange zürnen.

Der Vater selbst zeigte oft eine Miene, die einem Lächeln

glich, obwohl er sie nicht viel zu beobachten schien. Hatten aber die Mädchen sie gerne, so lachte den Buben vollends das Herz, wenn sic ihr in die lachenden Angen schauten. Es ging keiner am Haus oder Felde vorüber, wo sie zu sehen war, ohne ein paar Reden mit ihr zu wechseln. Mochte einer noch so verdrießlich gekommen sein, weil die Ochsen störrisch waren, oder weil der Vater ihm verweigert chatte, zum Jahrmarkt in die Stadt zn gehen; er konnte die Stirne nicht faltig behalten, wenn das Kätherle den Mund ausge­than hatte.

klebriges blieb es es nicht beim Scherz und Lachen. Erst zwei Jahr war's, seit sie die Schule verlassen hatte, und schon sollte cin Bnbe daS Herz an sie verloren haben. sJm letzten Frühjahr war ihr ein Maien gesetzt worden, und man wußte, daß derselbe von dem reichsten Burschen des Ortes kam: von Jakob, des Schulzen Schwestersohn und Kätherle's Verwand­ten. Er schien wie gebannt an ihre Tritte, und wäre Stun­denweit gelaufen, um von ihr ein freundliches Wort zu be­kommen. Vom Reichthum abgesehen war er auch sonst kein unebener Bursch; sapber und wohlgewachsen, vom besten Ge­müthe, gerühmt von Knechten und Tagelöhnern. Er konnte die schönsten Weisen singen, und sein Vater war der Einzige im Dorfe, der ein Paax Pferde hatte; ein Lieutenant, der zur Parade ritt, konnte nicht stolzer zu Roß sitzen als er, wenn er am Feuerabend durch's Dorf galoppirte.

Kätherle war gegen ihn freundlich, wie gegen alle andern Leute, nicht mehr und nicht minder.Es ist kein ernsthaft Wort mit ihr zu reden," sagten Jakob's Kameraden,und ein Wunder soll's sein, wenn sie die Kinderschuhe je vertre­ten sollte!" Einen nur nahm sie ans, das war ihr Bru­der, den sie allen Leuten vorzog; wenn mau nach ihrer Mei­nung ging, war im ganzen Königreich keiner, der ihm's gleich thun konnte, und still und ernsthaft konnte sie werden, wenn er zu erzählen anfing. Erstaunlich wâr' es, wie viel er wußte, meinte sie, und es wäre Schade, daß er kein Herr geworden, sei; er hätte ein Amt versehen können, so gut als einer von den G'ftudirte.

Der Sommer mit seinen Geschäften war dem Ende nahe;