Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Sr. 134, Freitag den 10 Juni iss».
Ver Stadtviear.
AuS dem schwäbischen Familienleben.")
I.
In einer der lebhafteren schwäbischen Landstädte war als Stellvertreter des Diaconus ein Bicar «»gestellt worden. Dieser, obwohl er bisher stets in ländlicher Abgeschiedenheit gelebt hatte, schien doch kein gewöhnlicher Mensch zu sein. Gelehrter Theolog und jugendlich eifrig im Amte, verband er mit aufrichtiger Frömmigkeit alle Gemüthlichkeit und kindliche Naivität eines Jean Paul'schen Helden. Seine Gestalt und jein mildes, blondes Gesicht Hatter« eine ansprechende Jugendlichkeit behalten, welche kaum die vierunddreißig Lebensjahre ahnen ließ, die er bereits zurückgelegt hatte.
Tanzende Forstprakticauten von Adel, musicalische Ge- Zchrsacruare mid declamircudr Cameralamtsbuchhalter hatte man im Städtchen längst gehabt; sogar ein weltschmerzdurch- glühter Landschaftsmaler hatte sich einst während einiger Sommermonate dort aufgehalten; aber ein Jean Paulsscher Bicar war eine neue Erscheinung. Kein Wunder, wenn die Aufmerksamkeit der gebildeten Gesellschaft ihm auf eine Weise entgegen kam, die gerade jenen Eigenschaften, denen man huldigte, Gefahr bringen muß.
Ein wöchentliches Kränzchen wurde veranstaltet, wobei man für wohlthätige Zwecke strickte, während der Vicar Dan- tes göttliche Comödie in der Uebcrsetzung von Streckfuß vor« las; und es war höchst erfreulich zu sehen, wie viel ernster, classischer Geschmack sich auf einmal unter dem weiblichen Publicum verbreitete, das sonst kauin von einem französischen Roman zu einem englischen sich verstiegen hatte.
Für das Casino und andere profane Wintergesellschaftèn wollten sich kaum Theilnehmerinuen finden, während der Krau- kenverein, der seit Jahren iin Scheintode vegetirt hatte, plötzlich zu kräftigem Leben kam und die neuein gerichtete Kleinkinderschule von Gaben und Besuchen überströmt wurde. Daß die Frühgottesdienste des Vicars ungeachtet der vorgerückten,
*) Aus dem Morgenblatt.
kühleren Jahreszeit stets überfüllt waren, während der Decan, der langjährige erste Seelsorger der Stadt, nur noch kahlen Wänden Lu predigen hatte, verstand sich von selbst. Die Fran Decanin hatte sich auch mehrfach empfindlich darüber geäußert; der Decan selbst, ein würdiger, alter Diener Gottes, lächelte dazu.
Bei all' seinen Bestrebungen hatte den Bicar die reinste, redlichste Absicht geleitet. Wenn er aber allmählig bei seinem bewunderungswürdigen Gedeihen sich für ein besonders ausgerüstetes Werkzeug Gottes, für einen neuen Franke, einen modernen Touler zu halten anfing, so war es ihm nicht zu verdenken. Die Leute gaben ihn ja dafür aus, und er war viel zu arglos und liebevoll gegen andere, um ihrem Urtheil zu mißtrauen. .
Der erste Diaconus der Stadt, ein ernster Mann von gereiften Lebensanfichtm , schüttelte den Kopf zu alledem und äußerte sich bedenklich über die Gefahr, welche solche Erfolge dcm jungen Mann au Geist und Herz bringen müßten. — „Lassen Sie ihn ruhig gewähren," sagte der Decan; „er meint es gut; Gott wird ihn schon auf der rechten Bahn zu erhalten wissen."
Der Bicar hatte eine Braut. Dieß war eine Thatsache, die erst spät zur öffentlichen Kenntniß gelangte, da sich die Verlobten des Monats nur zweimal fchriebeuj, während es in unserer dampfgetriebenen Zeit in ähnlichem Verhältniß für nöthig erachtet wird, die Briefpost zweimal des Tags zu benützen, um die Liebesflamme ja nicht aus Mangel an Nahrung erlöschen zu lassen. Nachdem nun aber der Vicar selbst durch seine Bestätigung die Sache außer Zweifel gestellt hatte, erschöpfte sich die Honoratiorenschaft des Städtchens in Vermuthungen über die glückliche Unbekannte. Ein blondes, sanftes Kind, rosig und lächelnd wie ein Engel, meinten die einen; eine ernste Brünette mit dunklem Auge, hochsinnig und feurig, behaupteten die andern, müsse es sein, die des Vicars Herz habe gewinnen können. Beide Parteien aber waren gleich sehr gespannt sie ju sehen, und der Vicar mußte versprechen, sie z«l einem Besuche zu veranlassen, wozu bald darauf die Aufführung von Haydns Schöpfung, womit der Oratorien-