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Der Wanderer. A

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgeineinen Zeitung.

M 131. Dienstag den 7. Anni /m.

Das Hans der Eodten.

(Fortsetzung.)

Herr von Locmaria war fest entschlossen, nach Rennes zu- rückzukehren: allein theils die Furcht, sich zn verirren, theils ^^^e Ermüdung seines Pferdes, hielt ihn davon ab. Er frug: ob er, auch bei Abwesenheit des Schloßherrn, hier für die Nacht ein Unterkommen finden könne? was man bereitwillig zugestand, indem der alte Diener eine große Thüre an der linken Seite des HofeS öffnete. Der Marqms that einige Schritte über das Marmorpflaster, als plötzlich, wie durch ei­nen Luftzug, das Licht in der Hand des Dieners erlosch und die Thüre sich hinter ihm schloß. In der ersten Ueberraschung, sich allein, im Finster», an einem ihm unbekannten Orte zu befinden, verwünschte Herr von Locmaria die bretagnische Gast- srelmdschaft und bemühte sich, die Gegenstände um ihn her zu erkennen. Als der Mond aus einigen Wolken hervortrat, sah er, daß er sich in einer Capelle befinde, und unterschied, als sich seine Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, die aus der Seitenwand hervorspringenden Pfeiler, welche das ge­wölbte Schiff der Capelle trugen; im Hintergründe befand sich ein Altar aus Marmor mit einem silbernen Cruzifix; er be­merkte ferner, daß er über die Grabsteine der Verstorbenen aus dem Hause Tonguedec schritt, und entdeckte zwischen zwei Pfeilern eine Marmortafel, auf welcher mit großen, schwarzen Buchstaben, wahrscheinlich für den Meißel des Bildhauers vor­gezeichnet, die Worte standen:

"H^r ruht die sehr hohe und mächtige Dame Hildebcrge Gertrude Diana Gräfin von Tonguedec."

Hier also ward die Gräfin beigesetzt, die arme, junge Frau, welche er so geliebt, und die eine furchtbare Krankheit in der Fülle ihrer Schönheit und Anmuth dem Leben entris­sen hatte. Auf dem Sockel des nächsten Pfeilers stand ein Kästchen, dessen Bestimmung und Inhalt er nicht zu errathen vermochte.

Allein in dieser stillen Capelle, noch ermüdet von einem langen Ritt in dem wilden Forste, dessen Schauer in ihm allerlei abergläubische Vorstellungen und auch wohl Vorwürfe

geweckt hatten, daß er so bald eine schöne, junge Fran ver­gessen konnte, welche, durch eine strafbare Leidenschaft von ih­rer Pflicht abgezogen, jetzt ohne Zweifel in einer andern Welt manchen nach ihm gerichteten Gedanken, manchen Wunsch, wenn auch nicht eingestanden, abbüßen mußte, empfand jetzt Herr von Locmaria mit Entsetzen, daß er jetzt allein sei; er schritt der Thüre zu, um einen Ort zu verlassen, welcher so peinigende Gedanken in ihm hervorrief. Umsonst! Sie war verschlossen; er suchte nun eine andere Thüre, die er bemerkt zu haben glaubte, als ein sonderbares Geräusch ihn zitternd an der Stelle fesselte; eS schien ihm, als ob die Warmortafel mit der Inschrift sich von der Wand ablöste, um einer blei­chen, unbestimmten Helligkeit den Durchgang zu gestatten, die sich bald auch auf der entgegenstchenden Wand im matten Widerschein zeigte.

Dem jungen Manne fehlte es weder an Much, noch an Entschlossenheit; dennoch machte dies unbegriffene Ereigniß in der Einsamkeit und. der Stille der Nacht, einen solchen Eindruck auf ihn, daß sein Herz heftig pochte und die zittern­den Lippen keinen Laut hcrvorzubringen vermochten. Die Marmortafel war wirklich, mittelst vrrborgeuer Federn, ver­schoben, und das aus der dadurch entstandenen Oeffnung aus­strömende Licht verstärkte sich immer mehr mit) erfüllte zuletzt die ganze Kapelle. Herr von Locmaria glaubte anfänglich zu träumen, dann, der Nebenbuhlerschaft des Grafen von Tonguedec sich erinnernd, in eine Falle gerathen zu sein, und beschloß, indem er sich nach der Thür zurückzog und die Hand an den Degen legte, sein Leben auf das Aeußerste zu ver­theidigen. Jetzt sah er, wie ein kleiner, weißer Fuß, unbe­kleidet, aus der Oeffnung hervortrat; der andere folgte nach, und jetzt stand die ganze Gestalt, vom Lichte um­geben, deutlich vor ihm, nachdem sie, unhörbar über den Boden gleitend, sich ihm genaht hatte. Sie trug in der linken Hand eine brennende Ampel, die an drei Ketten schwankte und ihr flackerndes Licht bald auf dem platten Fußboden, bald über die bunten Fensterscheiben der Kapelle verbreitete; die andere Hand war in den Falten des weißen Leichentuches verborgen, welches sie gänzlich umhüllte.