Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr. 128.
Freitag den 3. Snnt
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Das Haus der CadLcn.
(Fortseching.)
Herr von ßocnnma nahm sich nicht das Leben. Man darf deßhalb nicht vorauösctzen, daß er nicht ernstlich verliebt gewesen sei; allein bei seinem tiefen Schmerz, bei dem Kummer, dem er sich ohne Rücksicht hingab, zweifelte er nicht, daß sein Leben ohnedem nur kurz sei und er bald dem Engel folgen werde, der sich so bald und Plötzlich seiner irdischen Anbetung entzogen hatte.
Unterdessen verbreitete sich die Nachricht von dem Tode der Gräfin Diana von Tonqucdcc durch die ganze Stadt. Ihr Gemahl veranstaltete ein Leichenbegängnis; , das seinem Schmerze und der dem Herzoge von Chanlues ertheilten Zusage vollkommen entsprach. Fünf bis sechs Stunden von Rennes beginnt ein uralter Wald, der heutigen Tages der Wald von Brascilicn genannt wird und in den Annalen der Ritterschaft berühmt ist; hier stießen die Paladine der Vorzeit auf die gefährlichsten Abenteuer, und Herr Lancelot vom See war sicher, hier immer Gegner anzntreffeN, die seines Muthes würdig waren; überdem war der Wald mit Riesen, Kobolden und bezauberten Schlössern erfüllt. In unseren ^^^ ißen sind alle diese Wunder verschwunden ; man sieht nur Moch schwache Ucberrcste von Merlin's Zaubergrab und die Quelle der Jügend, welche leider ihre verjüngende Eigenschaft verloren hat. Herr von Tonqucdcc besaß in diesem Forste altes Schloß, mit weit sich erstreckenden Ländereien. Hier ruhten seine Ahnen unter den Grabsteinen der Capelle, und hier sollte auch die Leiche seiner Gemahlin beigesetzt werden. Ein fest verschlossener Wagen mit schwarzem Tuche überhangt, brachte sie zu ihrer Ruhestätte, und der trauernde Wittwer folgte ihr mit seiner sämmtlichen, in Schwarz gekleideten Dienerschaft. *
Sv war denn die Gräfin fssr die ganze Provinz todt, und der Graf ließ es nicht an der Bezeugung seines Kummers fehlen. Er blieb auf dem alten Schlosse, und nur, um such.zu zerstreuen, verschönerte er seine Besitzung, machte An lagen und lieb i<>rfAn.*h» eN"e.;,.^ ..... ...::«' .- I
erste Schmerz überstanden war, stieg er auch wieder zu Pfetde, : jagte mit zahlreichem Jagdgefolge das Wild seiner Forsten, , besuchte das Grab des Zauberers Merlin, ohne auf ein Abenteuer zu stoßen, und kehrte erst nach mehreren Monaten so frisch, munter und verjüngt nach Rennes zurück, daß man - hätte glauben sollen, die Quelle der Jugend hätte für ihn ihre frühere Eigenschaft wieder angenommen. Sein erster Gang führte ihn zn Herrn von Locmaria; er fand ihn mit heiterem Angesichte und mit einer Sorgfalt gekleidet, welche > verrieth, daß er den Freuden seines Lebens und den Annehmlichkeiten der Gesellschaft keineswegs abgestorben sei.
Der junge Mann erröthete beim Anblick des Grafen.
„Ei, der Tausend-" sagte dieser, „da sind Sie ja ganz lebensfroh und wohlauf! Ich glaubte, Sie wären gestorben, entweder an einem Degenstoß von eigener Hand, oder aus Schmerz über den Tod meiner Gemahlin. Es freut mich, daß Sie sich anders bedacht haben; eine Leidenschaft, wie die Ihrige, konnte übrigens nicht anders enden."
„Sie haben Recht," erwiderte Herr von Locmaria, indem er die Augen niederschlug, „wenn Sic damit sagen wollen, daß meine Liebe eben so aufrichtig als heftig war; ich würde mein Leben freudig geopfert haben, aber nur, um das der theuren Gräfin zu retten."
„Es handelt sich aber nicht darum, ihr Leben zu retten; Sie wollten sie mir vielmehr entreißen, während sie sich noch ganz wohl befand, oder selbst sterben."
„Und Sie, mein Hâr / entgegnete Herr von Locmaria, froh, die Vorwürfe zurückgeben zu können, die er zu verdienen fühlte, „Sie. haben Ihren schmerzlichen Verlust nicht minder getragen mit der philosophischen Ergebung —
„Eines Ehemanns," setzte Herr von Tonqucdcc die Rede fort; „ich verberge cs nicht; allein was bleibt mir anders übrig? Der Tod hat wenigstens das Gute, daß er aller Hoffnung ein Ende macht, und da jede Leidenschaft, so lebhaft sie auch sei, nur im Genuß der Gegenwart oder in der Erwartung von der Zukunft besteht, so gibt es keine ewige Trauer. Wir beide beweisen die Wahrheit dieser Behauptung.