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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgeineineu Zeitung.

Sr. 124. Montag den 30. Mai /«rr

Das Haus der Lodten.

(Fortsetzung.)

Alle diese Briefe glichen sich und enthielten immer die­selben Leidenschaftlichen Ausbrüche, dieselben Vorschläge zur Flucht nach Holland, wie die Drohung, sich das Leben zu nehmen. Der alte Ehemann bemerkte mit innerer Befriedi­gung das Ungeschick seines jungen Nebenbuhlers und steckte sorgfältig alle Briefe wieder in den kleinen Sanmetbcutcl.

Das ist allerdings höchst traurig für Herrn von Locma- ria," sagte er;er scheint an einem unheilbaren Uebel zu leiden aber warum wollen Sie, liebe Gräfin, sich für den Wahnsinn dieses jungen Mannes bestrafen?"

Ach," erwiderte die Gräfin,was würde aus mir wer­den, wenn Herr von Locmaria aus Liebe zu mir stürbe, sich gar vor meinen Augen das Leben nähme?"

Glauben Sic, daß er dies thun würde?"

Zweifeln Sie nvch daran, Herr Graf? Lesen Sie doch nochmals seine Briefe.

Herr von Tonquedoc betrachtete seine Frau mit Aufmerk­samkeit und frug sich, ob er eine Kokette, oder eine in Lie­bessachen ganz unerfahrene Frau vor Augen habe. Um seine Ungewißheit zu begreifen, muß man sich in die Zeit vor sechs- zig bis siebenzig Jahren zurückversetzen. In der Bretagne war man damals noch ungebildeter, als in den andern Pro­vinzen; ein geringer Grad wissenschaftlicher Bildung fand sich nur in den zur Klasse der Parlamentsherren gehörigen Fami­lien ; die Gräfin hatte ihren guten Theil an der Unwissenheit Des übrigen Adels und wenn sie die Briese des Herrn von Locmaria unbeantwortet ließ, so konnte man cs wohl der Schwierigkeit zuschreiben, die sie empfand, sich mit der Feder angemessen auszudrücken; die Kunst zu schreiben war ihr zwar chicht fremd, aber keineswegs geläufig. Herr von Tonquedee erwog dies Alles und fühlte sich dadurch beruhigt.

Sie glauben also wirklich," sagte er nach einer Pause, Herr von Locmaria sich aus Liebe zu Ihnen das Leben nehmen werde?"

Mein Gott, ja," antwortete die Gräfin mit Lebhaftig-

feit,und ich gestehe Ihnen, daß ich diesen Gedanken nicht zn ertragen vermag. Herr von Locmaria, ein so schöner, junger und reicher Mann todt, todt vor meinen Augen, um meinetwillen! Ich sehe ihn bleich, blutend zu meinen Füßen, mit durchbohrter Brust, und dies vor aller Welt, denn er will den Tag zum Selbstmorde wählen, wo wir Ge­sellschaft haben. Ach, Herr Graf, um ein solches Unglück zu verhüten, thue ich lieber Alles, was er verlangt."

O! O!" rief Herr von Tonquedee, jetzt ernstlich.beun­ruhigt aus, indem er von seinem Sitze aufsprang.Wes, Fran Gräfin? das ist viel gesagt. Sie würden ihm also folgen nach Holland, nach England, oder wo er sonst Sie hinbringen könnte?"

Ja!" sagte die Gräfin, nach einigem Zögern,wenn ich nicht fürchtete, Sie zu beleidigen."

Also, weil Sie fürchten, mich zu beleidigen, sperrten Sie sich in Ihren Zimmern ein und verbargen mir die Ursache Ihres Kummers?"

Es war augenscheinlich, daß Diana seit ungefähr einem Jahre, wo sie Gräfin von Tonquedee geworden war, über die Würde und die Pflichten des Ehestandes in Unwissenheit geblieben war, daß sie sich nur verheirathet hatte, weil es so bei den Fräuleins ihres Hauses der Gebrauch war, und daß der Graf die Gefühle nicht gerveckt hatte, welche die Jugend und Schönheit des Herrn Locmaria jetzt in ihr zu entwickeln begannen und ihren Gemahl der ihm drohenden Gefahr aus- setzten, welche sie ihm durch ihre wunderliche Erklärung so unbefangen zu erkennen gab. Dies war für die Eigenliebe desselben nicht eben schmeichelhaft und sehr beunruhigend für die Zukunft, indessen glaubte er, die seiner Gemahlin nöthige Belehrung auf einen andern Zeitpunkt verschieben zu müssen und verrieth eine große Besorgniß für das Leben des Herrn von Locmaria, obgleich er weit davon entfernt war, sie zu empfinden. Ruhig erwägend, und von keiner Leidenschaft ge­blendet, ersparte er sich so eine jetzt gänzlich unnützige Predigt.

Was mich bei dieser Angelegenheit einigermaßen beru­higt," sagte «r,ist der Gedanke, daß Sie sich von dem dro­henden Uebel wohl nur eine übertriebene Vorstellung machen^