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Der Wanderer

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 122

Freitag den 27. Mai

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Das Haus der Todten.

Als der Herzog von Chaulncs, Gouverneur der Bretagne, im Jahre 1671 von der Provinz ein freiwilliges Geschenk von drei Millionen Franken forderte, bewilligten die Land- T stände ihm zwei Millionen und fünfhundcrttausend Franken, welche bereitwillig angenommen wurden. Das Gouvernement j hielt eine königliche Tafel, und cs war bei einem glänzenden Diner, daß die Forderung des freiwilligen Geschenkes beschlos- I sen wurde. Frau von Sövignü nahm Theil an allen Festen; sie schreibt ihrer Tochter:Wir sprechen von Dir und lachen fein wenig über unseren Nächsten. Der Nächste ist hier wirk­lich sehr belustigend, besonders nach dem Diner; man ißt und trinkt mit wahrem Hochgenuß, und tch glaube, daß durch den Leib der Bretagner nicht weniger Wein fließt, als Wasser un­ter ihren Brücken, weil sie aus seiner unerschöpflichen Quelle das viele Geld entnehmen, das in allen Ständen verschwendet wird."

Der Nächste, über den man hier ein wenig lachte, war der höchste Adel der Bretagne, die Des Capelle, die Coötquen, die Chesire u. s. w. Unter dieser Menge bezeichnete die geist­reiche Mutter der Frau von Grignan besonders den jungen Marquis von Locmaria.

Ich wünsche," sagt sie,daß Du ihn sehen könntest, auf welche unnachahmliche Weise er seinen Hut abnimmt, und ihn aufsetzt! Welche Leichtigkeit, welcher Tact in allen seinen Be­wegungen. Er kann es mit dem gewiegtesten Hofmann auf- nehmen und wird ihn beschämen, darauf gebe ich Dir mein Wort. Er hat sechszigtausend Livres jährlicher Einkünfte, und hat erst kürzlich seine Studien beendigt; man kann wirklich nichts Hübscheres sehen, als ihn."

Nach dem Souper folgt der Ball, und hier zeichnet sich Herr von Locmaria ganz besonders aus.Stelle Dir," sagt immer noch Frau von Sëvignü,einen jungen Mann vor, mit dem vollkommensten Wuchs, den reizendsten Gesichtszügc» des liebenswürdigsten Romanhelden, welcher mit einer Leich- tißfeit, einem so edlen Anstande tanzt, wie Pccour, Favier, wie St. Andrü (berühmte Operntänzer damaliger Zeit) nach­

dem alle seine Tanzmcister ihm gesagt haben: Mein Herr, wir können Ihnen nichts mehr lernen; Sie tanzen jetzt besser, als wir. Nun tanzt er alle Tänze, die in der Mode sind, mit einer Vollkommenheit und einem Anstande, wie man es sich nicht vorstellen kann, ohne ihn gesehen zu haben; immer gleich anmutig im geschwinden, wie im gemessenen Tact, oft kaum die Erde berührend. -

Ich versichere Dir, meine Liebe, Du, die Du Dich so ganz darauf verstehst, würdest das lebhafteste Vergnügen beim Anblick dieser Tänze empfunden haben."

Auf diesem den Ständen gegebenen Balle befand sich auch eine Dame, auf welche diese von einem jungen Manne aufgc- führten Tänze noch mehr Eindruck machten, als dies bei Frau Grignan der Fall gewesen wäre. Dies war die junge Gräfin Diana von Tonquedcc. Der Graf, ihr Gemahl, war selbst von der Anmuth des jungen Tänzers ganz bezaubert. Er war ein schon sechszig Jahr alter Seemann, der schon unter dem Ministerium des Cardinals von Richelieu seine Lauf­bahn in der Flotte begonnen und ausgezeichnet gedient hatte. Jetzt war er im Hafen eingelaufen, das heißt: er hatte den Seedienst verlassen, sich nach Rennes, seiner Vaterstadt, zu­rückgezogen, und eine junge, aber arme Bretagnerin von nicht minder hohem Adel, als der seinigc, geheirathet, während er zwar alt, aber sehr reich war. Er hoffte nun, seine noch üb­rigen Lebensjahre in gemächlicher Ruhe hinzubringen, von sei­ner jungen Gattin geliebt, aber doch nicht von ihr hintergan­gen zu werden. Diese Aufgabe, schwieriger als alle seine Seefahrten, gedachte er mit Ehren zu lösen. Die Einigung des SilberhaareS eines Greises mit den blonden Locken einer achtzehnjährigen, jungen Frau ist zwar schwer zu erhalten, der kleinste Uustand kann sie stören: allein Herr von Tonquedec * war mit keinerlei Beschwerden des Alters behaftet, noch sehr rüstig, und stets heiterer Laune und hielt sich, mit der allen Bretagnern eignen Zähigkeit, noch immer für jung; auch an­dere konnten ihn, nach seinem noch immer lebhaften Hange zu Vergnügungen, [einem kühnen, entschiedenen Auftreten und seinem Benehmen gegen die Damen, leicht dafür halten; in seiner Jugend hatte er das Herz mancher Frau gewonnen, iS