Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

---«KS.^LN---

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

: « ...... .......... 1....... - -........... ' ...... " '"...... ............ ' HNI

xr. 121 Donnerstag den 26. Mai ^«s»

Besteigung des hohen Zar.

(Fortsetzung.)

Oft sieht man Felsblöcke das darunter befindliche Eis vor der Einwirkung der Sonnenstrahlen schützen, während es ringum abschmilzt; in Folge dessen entsteht unter dem Stein eine immer zunehmende Eiserhöhung, die endlich die Form einer hohen, von einem nach allen Seiten überragenden Fels­blocke gekrönten Pyramide die sogenannten Gletschertische annimmt. Die darauf liegenden Felsblöcke halten zuwei­len mehrere Cubikklafter; oft aber geben auch kleiner? Stücke zur Entstehung eines Glctschertisches Veranlassung. Die Py­ramide wird immer höher und dünner,'endlich bricht sie unter der darauf ruhenden Last zusammen, oder der Felsblock be» kommt nach einer Seite das Ucbergewicht und stürzt donnernd herab, um vielleicht nach einigen Jahren auf einem neugebil­deten Gletschertische zn ruhen.

An der Erklärung des merkwürdigen Vorrückens der Glet­scher hat schon mancher Naturforscher, der doch das Graö wachsen hörte, sich einen Zahn ausgebissen; und obgleich viele große und berühmte Gelehrte sich damit belustigten, wochen­lang in Bretterhütten auf Gletschern zuzubringen, um die Natur auf ihren Geheimnissen zu ertappen und Champagner zu trinken, so gelang ihnen ihr Vorhaben nur rücksichtlich des zweiten Theiles, und sie brachten von ihren Expeditionen kaum einen größeren Gewinn für die Wissenschaft zurück, als ein Paar zerrissene Schuhe unverfrorene Finger nebst dem« thigen Materiale, sich nach löblicher Gelehrtensitte wieder eine Zeit lang entgegengesetzter, aber gleich unerwiesener Ansichten halber anzpfeinden und zu verketzern.

Aber nicht allein zn den Ergötzlichkeiten gelehrter Hahneu- kämpfe, sondern auch zu mancher obgleich ungelehrten, dennoch interessanten Begebenheit hat dieses Vorrücken der Gletscher schon Veranlassung gegeben. Es ist noch nicht sehr lange her, daß am unteren Ende eines Gletschers durch das Abschmelzen des Eises die Leiche eines blühenden jungen Mannes zum Vorschein kam, welcher offenbar in einen Schlund gestürzt und darin um's Leben gekommen war. Aber Niemand kannte ihn

Niemand wußte, wer der junge Mann sei. Da trieb die Neugierde auch ein uraltes Mütterchen herbei. Wer beschreibt die Verwunderung der Anwesenden, als dieses beim ersten Anblicke der Leiche sie als jene ihres Bräutigams erklärtet Und doch war dem so. Vor sechzig und einigen Jahren war ihr Verlobter spurlos verschwunden; Decentsten waren vorüber gegangen, ohne daß er Kunde von sich gegeben hatte; jetzt erst klärte es sich auf: er war verunglückt; in das Eis einge­froren, erhielt sich der Leichnam unversehrt, um, statt von sei­ner einst blühenden Braut zum Traualtar, nunmehr nach sechzig Jahren von der Matrone wieder erkannt und zur letz­ten Ruhestätte geleitet zu werden.

Merkwürdig sind auch die Höhlen, welche sich am unteren Gletscherende zu bilden pflegen, und denen die schmelzenden EiSmaffen des Gletschers als reiche Bäche entströmen; dann und wann stürzen sie ein, um sich unter stets veränderter Ge­stalt neu wieder zu bilden.

Auf dem hier indeß ganz ungefährlichen Gletscher fortge­hend dringt man immer tiefer in den amphitheatralischen Hin­tergrund der Gebirgsmulde, in welcher er entsteht, dis sich nach kurzer Wanderung zur angenehmen Ueberraschung des Ermüdeten ein ganz komfortables, gemauertes, einen Stock hohes Haus, das Knappenhaus des Rauriser Goldberg- banes zeigt, und sehr bald betreten wir dieses einzig gelegene Asyl. Wer erwartet wohl in dieser unwirthlichen Einöde, wo nicht einmal kümmerliche Flechten die rauhen Felstrüm- mcr bekleiden, wo ringsum unabsehbare Schnee- und Eis­massen starren, eingeschlossen in einen Kranz die Grenze des ewigen Schnee's hoch überragender Alpen, und nur wenige Schritte von den Ufern des Gletschermeeres entfernt, ein freund­liches Zimmer und das lustig flackernde Feuer auf dem Herde zu finden? Vierzig bis fünfzig Knappen wohnen hier in eini­gen geräumigen Sälen. Für Fremde ist in dieser gastfreien Behausung ein eigenes Zimmer mit einem colossalen Kachel­ofen und zwei nicht minder riesigen Betten reservirt. Es ist ein Eckzimmer im ersten Stock, von dessen Fenstern ans man . in behaglicker Wärme nach der einen Seite die Abhänge be- } trachten kann, an denen der Gletscher entspringt; nach der