Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
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Dienstag den 2'1 Mai
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Vee Viereckig oder die americanische Lüste.
Eine Erzählung von Berthold Auerbach.
(Fortsetzung.)
Die Ernte kam herbei. Xaveri ging schon vor Tag mit der Sichel hinaus nach dem Acker neben dem Kirchhofe. Dieses Hinausschreiten im kühlen Morgcunebel, da sich ein grauer Schimmer auf Gras und Staude legt, diese Freude am frischen Gange aus Dumpfheit und Verzerrung, die Arbeit, die jetzt noch als Lust cntgegenwinkt, der Gruß der Begegnenden, die sich zu gleichem Thun aufmachten und einander in der sichern Hoffnung auf einen hellen Tag bestärkten, Alles machte Japeri plötzlich im Innersten froh; er dachte saunt mehr au Jein verworrenes Leben und cs schien ihm leicht zu glätten, mindestens wollte er Alles thun, damit es schön und heiter Jet. Laveri war trotz Allem doch noch Bauer genug, daß er seine Freude an dem schönen Acker hatte, den er jetzt sein eigen nannte, er lachte vor sich hin, als er denken mußte: es ist doch gut, daß sich die Wiesen und Aecker nichts um die Händel im Hause kümmern und beim Unfrieden nicht davon- .laufen; sie wachsen still, und wie prächtig steht hier das Korn! Ihr seid doch glückliche Menschen und Gott ist gut, daß er euch den Unfrieden nicht entgelten läßt.
Der erste Anschnitt dieses Ackers hat immer etwas Feierliches, besonders für den einsam Arbeitenden; der alte Lachen- bauer hatte immer gebetet ehe man anfing, Laveri that das nun zwar nicht, aber indem er die Sichel noch einmal wetzte, wetzte er gleichsam noch einmal seine Gedanken und die waren : daß er fortan arbeitsam und friedsam sein wollte. Das Feld war ergiebig, die »icdcrgelcgten Halme, die sogenannten sammelten, lagen so nahe aneinander, daß man gar keine Stoppeln mehr sah, und das ist das fröhlichste Zeichen einer reichen Ernte. Die Sonne war cmporgestiegen, die Lerchen sangen in blauer Luft, aber Laveri horchte nicht hin und sah , auf, seine Gedanken waren drüben in America: Wie anders wäre das, wenn du jetzt dort zum ersten Male Ernte hieltest, auf einem vordem nie bebauten Boden — die Morgenglocke -tönt, dort hört man kein Geläute, vom Acker daneben hört 1
man Menschenstimmen, dort vernimmt man nichts. Es ist doch besser, auf dem Boden zu bleiben , den schon die Vorfahren bebaut und der von Geschlecht zu Geschlecht genährt, und wer weiß ob du drüben noch lebtest — Laveri richtete sich verschnaufend auf und sah nach dem Kirchhofe: dort liegt dein Vater und dort deine Ahne, von welcher der Spruch hcrrührt: „Ich glaub nicht an America." Zum ersten Male in seinem Leben empfand er, was es heißt, den Boden zu verlassen, darin die Gebeine der Angehörigen ruhen, aber dieser Gedanke streifte ihn nur flüchtig und im Weiterarbeiten gedachte er: Auch du wirst einmal dort liegen. Dieses Leben hast du nur einmal und willst du es so in Haß und Hetzerei verbringe»»? Fang' cs frisch an, so laug' cs noch nicht verloren ist; dein Weib wird schon gut sein, sie muß, wenn sie sicht, daß du gut bist. Wir haben unser reichliches Brod, warum sollen wir denn nicht gut miteinander auskommen? Ich will nicht mehr an America denken. Es muß uns hier gut gehen und wir haben's besser als tausend Andere und wenn jetzt das alt' Zuckermännle den Löffel erst grad' aus dem Maul gethan hätt', ich thät' damit essen und es schmeckt' mir; das darf nichts mehr gelten. Wenn sie mir nur auch bald Essen bringt. . . .
Dieser letzte Gedanke war es, bei dem Laven am längsten verharren mußte, denn er spürt in sich einen Mahner und auch von außen wurde er daran erinnert. Von den benachbarten Aeckccrn hörte man gemeinsames Sprechen und oft lautes Lachen. Es war sechs Uhr, man hatte den Schnittern das Essen gebracht und überall, so weit man sah, wandelten Frauen und Kinder mit Körben und Töpfen. Denkt deine Frau allein nicht an dich uud glaubt sie, daß du nicht auch Hungcrig wirst und schneidest du denn für dich allein? So sprach cs in Laveri und der im Hunger doppelt leicht gereizte Zorn wollte wieder in ihm aussteigen und Alles bewältigen, aber noch wurde er seiner Herr und sagte sich, daß seine Frau sich verspätet haben könne oder daß sie im Kaufladen auf- gehalten werde. Er schnitt allein weiter, während Alles um ihn her ruhte und sich gütlich that; das aber nahm er sich vor, es sollte als Zeichen des Friedens gelten, ob seine Frau