Der Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Nr. HO.
Donnerstag den 12. Mai
/SS».
Ver Viereckig oder die americanische Kiste.
Eine Erzählung von Berthold Auerbach.
(Fortsetzung.)
Laven hatte zum Rottweiler Markt seine schwarze Zipfelmütze abthun und sich auch einen breitkrämpigcn Hut mit breitem Sammelband und einer hohen Silberschnalle ganz wie des Lenzbauern Philipp von Dcinicrstetten anschaffen wollen, darum war er im Geleite seines Vaters nach Beendigung des Pferdemarktes auf den Krämermarkt geritten und dort beim Wirthshause zur Armbrust hatte er den fürchterlichen Schimpf erfahren und der zuerst den Spottnamen „der Viereckig" gerufen hatte, war gerade des Lenzbauern Philipp von Dei- merstetten gewesen und Alle, und darunter auch Viele aus seinem eigenen Orte, hatten ihn ausgelacht und verhöhnt. Darum raste setzt der Laven in wilder Wuth dahin, er hatte mit dem schönen Hute in's Dorf zurückkehrcn wollen und jetzt kam er mit dem schändlichen Unnamen und den hatte ihm sein Nebenbuhler gegeben. Hin und her rasten seine wilden Gedanken. Er haßte seinen. Vater, der ihm. befohlen hatte, ihn zu beschimpfen und noch dazu gefaßt hatte; vor allem aber schleuderte er seinen bittersten Grimm auf deS Leuzbauern Philipp, und wenn er selber darüber zu Grunde ginge, den wollte er krumm und lahm und zu Tode schlagen. Er überlegte aber vorerst nur noch, wie er das in's Werk setze.
Der rasche Galopp hatte sein Ende erreicht; am Fuße deS Berges, der nach seinem Hcimathsdorfe führte,. schnauften
^"ker ans und Laven schaute verwirrt umher, als ihn das Zuckermäunle grüßte, das eben auch vom Markte heimkehrte. Es war ganz neu gekleidet und seine fröhlichen Mienen schienen nichts zu wissen von dem Flore, den es um den Arm trug. Es lüpfte den neuen Hut und reichte denselben dem Kaueri, damit er erkenne, wie leicht und geschmeidig .er sei. Aber Laven erschien das als Hohn, er holte schon mit der Peitsche aus, um sie auf den alten Schelmenkopf zu schlagen, da erinnerte er sich noch, daß ja das Zuckermäunle nichts von seiner Verspottung wissen könne, er war ja Allen {
vorangeeilt. Ohne zu sagen, was ihm geschehen sei und nur im Allgemeinen von seiner Beschimpfung sprechend, verlangte er geradezu von dem alten Schlaukopfe einen Rath, wie er sich da rächen solle; so sehr aber auch das Zuckermäunle hin und her darauf drang, Kapert ließ sich durchaus nicht dazu bewegen, seinen Unnamen auf die Lippen zu nehmen und lautlos ritt er dahin, das Zuckermäunle ging im Schritt neben ihm.
Im Dorfe ging Kauert vor Unruhe hm und her, es waren die letzten Stunden, in denen er hier ohne den schändlichen Unnamen lebte. Jedem, der vom Markte kam, schaute er tief in's Gesicht, als wollte er ergründen, wer der erste Verkünder seines Schimpfes wäre. Endlich machte er sich nach dem Pflugwirthshause und erzählte hier der Lisabeth den ganzen Vorfall, aber noch immer ohne das Wort zu nennen. Er verlangte von Lisabeth, daß sie mit des Lenzbauern Philipp kein Wort mehr spreche, ja ihm sogar die Thüre weise; aber sie verweigerte ihm das Eine und das Andere, hier sei ein Wirthshaus und da müsse man Jeden willkommen heißen. Es war schon Nacht, als die jungen Burschen von Deimer- stetten, die auf dem Heimwege nach ihrem Dorfe durch Ren- kingen mußten, im Pflugwirthshause einkehrten.
Kaueri saß am Tische, seine Augen rollten und seine Fäuste ballten sich, bald verließ er die Stube und man sah ihn hastig im Dorfe Hin- und Herreunen, aber nicht mehr allein, denn von Haus zu Haus vergrößerte sich sein Anhang; sie gingen endlich Alle gemeinsam auch nahm dem Pflugwirthshause und wenn die Deimerstettcr eine Mass Achter kommen ließen, so riefen die Renkinger: Ein' Maß Zehner! und wenn die Deimcrstctter ein Lied begannen, sangen die Renkinger ein anderes drein und überbrüllten sie. Der Pflugwirth beschwichtigte so gut er konnte, der Schackle mußte die Deimerstettcr bedienen und die Lisabeth mußte sich zu den Ortsburschen setzen und durfte nicht vom Platze. Kauert aber glaubte zu bemerken, daß sie feurige Blicke nach des Lenzbanern Philipp am andern Tische sendete und jetzt rief dieser: „Lisabetb, frag einmal den Kauert, warum er vom Markte keinen Hut mitgebracht hat."