Her Wanderer
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
xr. 102. Montag den 2. Mai /ss«.
V è e A r n e
Ein ^aftelMilt aus ter Zeit der Reisröcke.
(Fortsetzung.)
„Aber was ist denn geschehen?" fuhr die Marquise fort. „Haben Sie sich verirrt? Sie dringen barsch in mein Zimmer mit der Reitpeitsche in der Hand und in großen Reitstiefeln? Leben wir noch in Frankreich, zwei Stunden von Versailles oder . . was weiß ich?.. in Timbuctu.., an der äußersten Grenze der Bildung und Sitte?"
„Frau Marquise, -Sie ereifern sich wahrhaftig zu ungelegener Zeit.. Ich glaubte Ihnen eine Freude zu machen, wenn ich Ihnen meinen, Morgengruß, brächte. .X
", „Glaubten Sie mir auch eine Freude zu machen, Herr Gemahl, als Sie der Lisette den — Morgenkuß gaben?"
„Den Morgenkuß?" fragte der Marquis, wie aus den Wolken gefallen.
„Wollen â- leuguen deut Spiegel da gegenüber, der mir alles zeigt, was bnwfj'en auf öént dhrfen^^^ '
„Nein," antwortete der Marquis sorglos, „cs ist möglich, daß ich die Lisette im Borübergehen flüchtig geküßt habe, wie ich gedankenlos auf der Wiese ein Blümchen pflücke... Ich sehe nur nicht..."
„Sie hören wenigstens, daß ich Sie ersuche mein Zimmer zu verlassen.
„Ach, Marquise, wegen einer Zerstreutheit, wegen einer bloßen Unachtsamkeit?" warf der Marquis ein, indem er den Papagei neckte.. „Was haben ich Ihnen zu Leid gethan? Sagen Sie cs. Zürnen Sie mir, weil im Hause eine Lisette lebt, an der Ihnen so viel oder vielmehr so wenig liegt als an mir, oder weil ich Sie liebe, weil ich es Ihnen gesagt habe und eben es wiedersagen wollte?"
„Vor allen Dingen, Herr Marquis, begreife ich den Be- such nicht», mit dem Sie mich diesen Morgen beehren. Dahinter steckt etwas, das ich nicht errathen kann... Sie kamen nicht ohne Absicht. Sie hatten irgend einen Vorwand zu eurem so ungewöhnlichen Schritte ... Anfangs glaubte ich, Lie würden mir etwas Interessantes erzählen, aber nein!
Seit drei Viertelstunden stehen Sie mir nun hier im Lichte, in der Sonne und führen Reden ohne Sinn und Verstand. Sagen Sie, waS wollen Sie?"
„Nichts, Frau Marquise," antwortete der Herr vom Hause.
• „So gehen Sie!" wiederholte die Marquise, worauf der Herr Gemahl ziemlich ernst antwortete:
„Aufrichtig, glauben Sie, daß es so fortgchen kann?"
„Was?"
„Sehr viele würden sich an meiner Stelle ganz anders benehmen."
„Es gibt allerdings sehr viele ungebildete Menschen in der Welt."
„Jedenfalls werden Sie zugeben, daß wir nach einer halbjährigen. sogenannten Ehe auf seltsamen Fuße stehen."
„Das- will ich gern zugeben," antwortete die Marquise.
„In diesem Falle," fuhr der Marquis fort, indem er näher trat, „würde ich mich sehr gefreut haben, wenn Sie gleich mir diesen Morgen einen kleinen Ausflug ins Freie gemacht i."
„Warum?"
„Weil ich die Ueberzeugung habe, daß in Ihrem Herzen Saiten sich befinden, diè in dem Aufgehen des schönen jungen Morgens plötzlich erklungen wären und gesungen hätten wie die Vögel in Baum und Busch. Man entdeckt unter einem Frühlingshimmel, in dem leuchtenden Staube, welchen der Sonnenmorgen nmherstrcut, Aus- und Ansichten, die das Herz unwillkürlich öffnen und sanft stimmen. Ich für meinen Theil bin gewiß nicht schäferlich gesinnt, konnte mich aber doch des Zaubers kaum erwehren. Meine Augen ruheten entzückt auf der bläulich goldigen Ferne des Horizontes, auf den Diamanten, welche die Nacht auf den Wiesen zurückgelassen und auf dem frischen Grün der Gärten, an denen ich hinritt und an denen oftmals die thaufeuchten duftigen Flie- derblüthenbüschel mich berührten. Ich fühlte alle meine Sinne seltsam, aber süß befangen . . Ich hörte wie träumend das heitere Gezwitscher und die allerlei Töne, die ein lachender Morgen an allen Fenstern und an jedem Grashalme weckt. Ueberall Leben, überall Hoffnung und Freude und überall —