Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

----JBtf»»e£3m--

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Ar. 9(>. Montag den 25. Sprit /«s»

Hagestotze.

(Fortsetzung.)

Die Haare wurden immer dünner und färbten sich alle­mach grau; der Kreller'sche war nicht mehr hinreichend, ein Toupst mußte den kahlen Scheitel decken. Der Anzug wurde jedoch immer gewählter, jcmehr die Gestalt verfiel; Schneider empfahlen sich der Protection des Herrn Bergmann, Mode­handlungen machten ihm neue Stoffe znm Präsent, damit er sie in die Mode bringe. An Einladungen fehlte cs ihm nie; Herr Bergmann gehörte zu einer fashionabelu Gesellschaft so nothwendig wie der Theekessel; er war gar zu gut gekleidet, und immer noch witzig, immer galant, und man konnte so nngenirt mit ihm umgehen.

In Bädern, wo stets ein Ueberflnß. von Damen ist, da war er vollends der Hahn im Korb, da wartete man wochen­lang auf seine Ankunft und begrüßte ihn mit Jubel; er war der unbestrittene Badkönig, mußte sein Urtheil gegen bei Ta­bleaux und Liebhabertheatcrn, wurde bei Waldspaziergângen mit Epheu bekränzt und schaute bei der Abfahrt aus seinem blumengeschmückten Wagen, als hätte er einen Preis beim landwirthschaftlichen Fest gewonnen. Daß er neben allem Ruhm nebenher allmählig zur genossenen Person wurde, er, der so lange andere genossen, das begann er manchmal mit einer äußerst unangenehmen Empfindung etwas zu ahnen: er wollte sich's aber nicht gestehen.

Herr Bergmann brachte übrigens der Gesellschaft Opfer, welche diese nicht verstand und nicht anerkannte. Er war nie reich gewesen und zu einer einträglichen Stelle hatte er's auch nicht gebracht; es kostet so viel Zeit, immer charmant zu sein! Obschon er nicht für Weib und Kinder zu sorgen hatte, so wollten seine Einkünfte doch gar nicht zureichen. Er war ge­nöthigt einen Bedienten zu halten, seit seine Toilette so viel künstlicher Nachhülfe bedurfte, so sehr auch seine alte Magd, ein Erbstück von seiner Mutter, darüber brummte; er mußte sich auf einem auserlesenen Reitpferd zeigen, wo sich seine alternde Gestalt immer noch am besten ausnahm; andere als holländische Leinwand zu Weißzeug wäre auch nicht angegan- !

gen; Parfümerien, feine Seifen, Schönheitswasser, falsche Zähne, Pariser Schneider und Schuster, das alles kostet am Ende mehr als der Bedarf einer soliden Haushaltung. So­mit mußte er sich's daheim am Munde abdarben, um sich nach außen im Glanz zu zeigen, und seine alte Köchin sorgte gehörig, daß nichts vergeudet wurde. Den Werth der Eii*- ladungen wußte er nun freilich nachgerade zu schätzen, er, der zum Mittagsesscn mit einem alten Hammelsbein, zum Souper mit einem Rettig abgespcist wurde und für den eine Wurst auf drei Tage ausreichen mußte.

Er begann sich allmählig doch nach einer andern Häus­lichkeit zu sehnen als der, die ihm sein alter Hausdrache be­reitete, und dachte ernstlich daran, jetzt ein Herz definitiv glücklich zu machen. Er glaubte wahrscheinlich, sein eigenes werde wie die Cigarren immer kostbarer; je mehr es austrockene.

Natürlich durste er, auf dessen Wahl schon so lange alle Damenaugen mit gespannter Erwartung geheftet waren, sein lang gespartes Herz nur zu dem höchsten Preise losschlagen. Somit warf er sein Schnupftuch einer schönen jungen Dame aus einem der ersten Häuser zu; er hatte ja schon lange ihren Papagei gefüttert, ihren Platz im Concert gehütet und ihr nach dem Balle den Shawl umgelegt. O Wunder! sie war so undankbar ihm einen Korb zu geben. Ihm einen Korb! Um sich zu rächen, wandte er sich sogleich an eine junge reiche Kaufmannswittwe, deren Salon er in die Mode gebracht, der e r adelige Connaissancen verschafft hatte; aber siehe, die Dame erklärte ihm mit der größten Aufrichtigkeit sie werde sich gar nicht mehr vermählen, und war dennoch so frech, ihm wenige Wochen darauf durch Karten ihre Verlobung mit einem adeligen Cavallerieoffizier anzukündigen. Er mußte etwas weniger hoch spannnen. Emma, die schon ziemlich ge­reifte Tochter seines wohlhabenden Arztes, wurde sich gewiß glücklich fühlen ach! sie war eine Cousine jener einst so blübcnden Amalie, die so kindisch gewesen war, um seiner ver­meinten Untreue willen ein paar schöne Jugendjahre zu ver- härmen; und siehe, es vereinte sich nicht mit Emmas Grund­sätzen. Wieder ein Korb! Was konnte er dafür, daß er ein­mal so unwiderstehlich gewesen!