Her Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Mittwoch den 20. ^pril
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(Fortsel-ung.)
Nun kommt die Reihe deS Fragens an den geselligen Herrn Müller, der den nrugefundcncn Freund nicht so rasch losläßt, während der Krauskopf mit der Schwester vorauseilt, der er eine Menge wichtiger Schulerlcbniffe mitznthcileu hat. „Und wie geht cs denn Ihnen, Herr Collega?" — „O, ganz gut". sagt Herr Bauer gähnend; „habe nur etwas Ma- geubcschwerden, werde deßhalb diesen Sommer ins Karlsbad gehen." — „So, so, das bcdanre ich. Uni) Sie speisen noch immer im Hotel d'Angleterre?" — „Längst nicht mehr; der Lärm von den vielen Fremden dort ist nur zuwider, ich habe die langkragigen Engländer herzlich satt." — „Sie speisen also —?" — „Gegenwärtig im russischen Hof, werde aber nicht bleiben; keine ferne bliche, die Austern waren schon zweimal nicht frisch, und erst gestern machte ich die Entdeckung, b^ die Madame die Gänseleberpasteten selbst macht und sie für Straßburger ausgibt. Es ist möglich, daß ich bald eine eigene Haushaltung aufangc." — „Da darf man also wohl gratulireu?" — „Keineswegs", sagt Herr Lauer trocken; „es eilt mir nicht; Sic wisscu, ich möchte besonnen wählen." Das Gespräch wird abgcschnitten durch die Ankunft am Müller'scheu Quartier, wo der Wildfang frohlockend die Treppe herunter ruft: „Later, die Bcrtha muß Pfannkuchen backen meinem Preis zu Ehren! Juheh!" und er macht noch einen Spazierritt auf dem Treppengeländer herunter.
Herr Bauer mußte noch versprechen, auf den Abend an einer Familienpartie nach der grünen Au Theil zu nehmen. Die nahm sich denn wirklich etwas besser aus als vor Jahren die Kinderwagenpartie. Zwar trank Müller nur ein Glas Bier und rauchte aus einer simpeln Pfeife, während Bauer den feinku Rauch einer ächten Havannahcigarre in die Luft blies, und die Familie labte sich blos an Lutterbrod, ohne Seitenblicke auf den westphälischen Schinken, mit dem sich Herr Bauer in Ermangelung von etwas Besserem behelfen mußte. Aber das Blatt hatte sich doch zu Gunsten der Fa
milie gewendet. Ein paar anmuthige erwachsene Töchter, deren einfach bescheidener Weise selbst der arwöhnische Hagestolz keine Rolle unterschieben konnte, ein jüngeres Mädchen, ciwas eckig und hoch aufgeschossen, die ihrerj beginnenden jungfräulichen Würde vergessend sich in maßloser Fröhlichkeit mit dem Wildfang auf dem Rasen tummelte: das ganzesBild von herzlicher Eintracht und fröhlichem Genügen machte Herrn Bauer etwas nachdenklich, als er Abends einsam seinem Hotel garni zuschritt.
„Muß am Ende doch au's Heiratheu denken^" begann er sein lautloses Selbstgespräch. „Die Hermine gefiele mir noch am besten; wüßt' ich nur was der Alte herausgibt! Aber da ist am Ende viel Eleganz und nichts dahinter. Bei deS Bankiers Töchtern ginge ich sicher, was das Geld betrifft; aber verwöhnte Dinger, wollen alle Reise mitmacheu, eine eigene Theaterloge. Danke schön, meine Frau soll einmal hübsch zu Hauie bleibeu und für ein gutes Souper sorgen, bis ich heim komme. Die Anna gegenüber, das wäre so eine Sorte, aber in einem Salon läßt sich die nicht prâ- sentiren."
Er kam zu keinem Abschluß mit seinen Berathungen, und langweilig ist sein Diner eben doch, er mochte sich's eingestehen oder nicht; langweilig am Morgen, wo er die Chokolade, die ihm längst entleibet ist, bald mit Kaffee, bald mit Thee vertauscht, die seinem Magen nicht zusagen, wo cr den Haufen Zeitungen, die er durchgeblättert, jedesmal mit dem Stoßseufzer bei Seite legt: Geschieht auch gar nichts in der Welt! ist nicht der Mühe werth! Langweilig ist's am Mittag, wo er an der Table d'Hote sitzt und nicht weiß, was ihm mehr zuwider ist, die stehenden Gesichter der Stammgäste oder die neuen der Fremden, die ihn mit Fragen ennuyiren; langweilig bis zum Abend, wo er mit verhaltenen Gähnen im Theater sitzt und sich besinnt, was noch langweiliger sei, gleich heimzugehen oder in eine Restauration, die er längst auswendig weiß.
In Familien geht er auch nicht mehr gern; er ist immer besorgt, daß man auf so eine gute Partie wie er Jagd mache, und cr ist sehr wählig, der Herr Bauer. Es wäre doch ein