Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Samstag den 9. April
Jas große und das kleine Laas.
Ein Lebensbild, von Ferdinand Kürnberger.
(Fortsetzung.)
3.
Am Rhein.
Durch Hannover und Westphalen ging cs dem Rheine zu. gl Cöln miethete sich Clemens einen Cajüteuplatz bis Mainz, der er erreichte es nicht gänzlich. Die herrliche Rheinfahrt nter dem schönsten Frühlingshimmel entzündete sein ganzes Pbcnsgefühl, und als das Schiff einst zu Mittag bei Bingen mdete, da hielt er nicht länger an sich: er stieg aus, aber chrte nicht mehr zurück mit den Einsteigenden. Er ließ seien Koffer hinabtreiben nach Mainz und dankte allen guten Mächten, endlich den Fuß wieder frei zu bewegen: dieser ißeste Boden des deutschen Landes sollte das Opfer seiner irstlingskraft werth sein. So pilgerte er ein Wegstündchen ie Rheinstraße hinauf, und jeder Schritt war dem Wanderer öenuß, wie dem Sänger sein Ton. In ASmanshausen (sichte er dem glühenden Rebengott dieser Stätte sein rubiu- othes Trankopfer, und begeisterter noch löste die Sohle sich b vom irdischen Boden. Es war ihm, als könne er fliegen üe ein Strahl, das ganze Gebirg dahin nach Wiesbaden. Wüthig setzte er den Stab ein, mit Hoffnungswonnen das and erwartend, dem's jetzt entgegen ging. Niederwald, Voll« ath, Gottesthal, Kidrich und Walluf zurücklegcnd, wollte er une Linie ziehen mitten durch das Paradies deö deutschen Leines. Aber schon den gefeierten Tempel auf Niederwald ntrnckte ein neckender Spuck seinem Blicke. Ein Eichhörn-
lackte ihn seitab dem Waldgrunde zu, wo nördliche Abauge eine veränderte Landschaft zeigten und keine Weinranke nchr wucherte. Doch wer hätte solch einen Irrweg meistern Men! Indem er die Wasserscheide des Gebirges im Zick- ack durchkreuzte — genoß er nicht reichere Scenen des Wech- 'ls, als die gleiche, perspectivische Richtung bot? Liebt die ^tur es nicht, just ihre köstlichsten Perlen der keuschen Un- »gänglichkeit zu vertrauen? Und wußte er nicht, daß Jo- annisberg, Vollrath und Gottesthal sich doch nur wie schel- '
mische Kobolde im nahen SüdSn versteckten, und daß die nördliche Ausbeuguug ihn höchstens nach Schlangenbad führe? So überließ er sich sorglos dem reizenden Zufall, der ihn auf jeden Schritt mit Ucbcrraschungcn magisch umstellte. Bald sah er hinaus in's offene Rebland — die blauen Pfälzer- Berge in der Ferne — den Rhein im Thale; bald entfloh ihm diese Durchsicht und der waldige Thalzug schloß über ihm seine Felsen und Wipfel. Dort verrieth Hacken- und Spatengeklirr in den Weinbergen, hier der Pulsschlag von Hammerwerken und Mühlen die gesellige Nähe der Menschen. Seinem Durste winkte aus gemauerten Nischen überall der sprudelnde Brunnen am Wege, seinen ausrubenden Gliedern bettete rauh aber doch entzückend die weitschauende Rossel.*) — Ein solcher Felsenthron war's, den er erklomm, als er mit sinkender Sonne nach wirthlichen Dächern aus- spähte. Durch struppigen Gamander wand er sich mühsam hinauf — aber, welch eine Aussicht schwang hier den riesigen Zirkel um ihn: Von Mainz bis Bingen, der ganze Rheingau lag zu seinen Füßen! Alles stand versammelt um ihn her, was er in einzelnen Durchsichten bisher geahnt und genossen. Dort funkelte mit Kreuz und Knauf des Reiches tausendjähriges Erzstift im jüngsten Sonnenstrahle, dort dämmerten die Ruinen von Rom und Ravenna in Jngelheim's Kaiserpalast, wie nachdunkelnde Bilder im lichten Rahmen der Gegenwart, dort krönte die RochuSkapelle eine sanftge- schwungene Bcrgesbrcite, dort stierte die Ruine Klopp auf die finstre Thalschlucht von Bingen herab — so lag das jenseitige Ufer aufgerollt und ausgespannt in grenzenloser! Weite da, bis cs am fernsten Horizont der blaßblaue Gürtel der Haarodt einrahmte. Auf seiner eigenen Seite deckten Vorlande und
*) Rösseln sind Steinhaufen, welche die Winzer beim Rotten von der guten Erde wegschaffen und auf die höchste Spitze ihres Weinberges, die gewöhnlich felsig und zum Anbau unnütz ist, zusammcn- tragen. Die natürliche Spitze wächst ans diese Weise noch künstlich, und die Stoffes ist der höchste Punkt nicht nur des engeren Grundstückes, dem sie angehört, sondern oft weit und breit der Gemarkung — Ucbrigcus heißt auch eine künstliche Ruine auf dem Niederwald die Rossel.