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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgeincinen Zeitung.

Nr. 33 Donnerstag den 3. März /sa».

Die Lurstauben.

Novelle in drei Capiteln von Carl Gutzkow.

sFortsetzung.)

Und welch ein rätselhaftes Ding ein Frauenherz ist, wußte Niemand besser als Michael Herz. Er hatte die Wie­derannäherung Sancho's fast vorausgesehen und im Scherze, wenn von den frühern Verehrern seiner Gemahlin gesprochen wurde, die Rückkehr des Doctors für nahe bevorstehend pro­phezeit. Dennoch erschrack er, als er den Besuch mitgcthcilt erhielt. Er stellte sich die weiche Stimmung Leontinens nach dem Kindbett vor, die Erschöpfung ibres Gemüths, den Zwie­spalt, in dem sie schon längst tiefinnerlich begriffen war. Gelang cs dem Doctor, ihr wieder eine Verachtung der ma­teriellen Bedingungen des Lebens beizubringo« und zu spotten über die Pflichten eines Hauswesens, über Geld und Gut, so war mit der Erneuerung dieser Bekanntschaft Gefahr ver­bunden. Dennoch, trotz der aufwallenden Eifersucht, wagte Michael Herz nicht, die Besuche des Doctors zu verbieten. Er nahm die Nachricht scheinbar gleichgültig und zerstreut auf, ja trug sogar Sorge für eine förmliche Einladung. Es blieb ihm später nicht im mindesten verborgen, daß Sancho viel öfter, als schicklich war, kam, und Morgen- und Nachmittags- besuche bei Lcontinen abstattete. Er wußte, daß Beide in solchen Augenblicken wohl über Alles zurückhaltend und ehr­erbietig sprachen, immer in einer gemessenen Entfernung, mit Anerkennung der gegenseitigen Rücksichten, sich hielten, aber die Gefahr für eine weiland Schwärmerin, die jetzt schon etwas heuchelte, blieb doch; Heuchelei war es wenigstens, daß Leontine wieder die alte Begeisterung für Mondnächte und Comersecfahrten affecrirte; Heuchelei, daß sie von Interesse für Dinge sprach, die sie im Drange ihrer schon lange nur rein­praktischen Gedanken nicht mehr verfolgte. Dies Stadium einer jungen Frauenentwickelung ist gefahrvoll. Man hängt Empfindungen heraus, die man nicht besitzt. Man will nicht gering erscheinen, man will den Duft der Bedeutsamkeit nicht verlieren, man wird deßhalb tiefinnerlich kalt und äußerlich : kokett. Man lügt eine Scene der Empfindsamkeit und ist sie !

vorüber, rächt man sich an seiner Umgebung, wird rücksichts­los, wirrt Alles durcheinander und gibt den Grazien den Ab- scbied. Michael Herz traf Lcontinen, nachdem eben der Doc­tor sich entfernt hatte, schon oft in vollem Lachen, in vollem Spotte über Sancho. Sie that vor ihrem Gemahle, als wenn sie den Schwärmer aufzöge und die wiedererwachte Huldigung des Dichters wie eine Narrheit ansähe, aber Mi­chael Hcrz pflegte über solche Geständnisse zu lächeln, pflegte von der Wirthschaft, vom Gelde, von den Staatspapieren und der Politik zu sprechen, innerlich wußte er, was er den­ken mußte.

Er hatte in frühern Jahren zu eifrig seinen Balzac gelesen, um sich mit der Außenseite, welche die Frauen zeigen, zu begnügen. Die Form von Vertraulichkeit, die er jetzt mit Lcontinen nur in materiellen Interessen, in Fragen des Gel­des, des Ehrgeizes, der Gesellschaftsbeziehungen gewonnen hatte, genügte ihm noch weniger. Eine aus Moquerie und Lüge gebaute Vertraulichkeit ist nie wohlthnend. Er sah zu deutlich, daß ebenso wie Leontine in feiner Gegenwart die Witzige und Vernünftige spielte, sie so in des Doctors Gegen­wart die Sentimentale und Poetische spielte. Was sollte er thun? Sollte er sich nrd)t entschließen), sein wahres Gefühl auszusprechen? Den Eifersüchtigen entschieden verrathen? Einstweilen zog er vor, Moritz Sancho liebenswürdig zu fin­den, sich ihm anzuschließen, nach seinen Plänen, Absichten zu fragen, ihm seine Hülfe und Förderung anzubieten. Er fühlte die ganze Lächerlichkeit dieser Handlungsweise. Er fühlte sie, wie alle besonnenen Männer in einem solchen Falle, wenn sie mit der einen Hand einem eingebildeten und verblendeten Manne, der sich unterfängt, den Frieden eines Hauses unter­graben zu wollen, die Rechte schütteln, mir der andern einen Dolch im Busen verbergen. Er lachte mit Moritz Sancho wie mit seinem besten Freunde, er rauchte Cigarren mit ihm, machte Spaziergänger aber ein Friede war das wie über einem Pulverfasse.

Moritz Sancho aber handelte wie fast alle jungen Män­ner, die unter dem Einflüsse ihrer Vortheile stehen. Es war eine stadtkundige Thatsache, daß Michael. Herz um durch