Einzelbild herunterladen
 

Der WgUderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

xr. 50. Montag den 28. Februar /ssa«

Die Curstanben.

Novelle in drei Capiteln von Carl Gutzkow.

sFvrlsrtzung.)

Zweites Capitel.

Michael Herz.

Michael Herz konnte beim ersten Anblick für Das gelten, was man oft und nicht selten mit Grund einegewöhnliche Geldsecle" nennt. Sein Aeußcrès deutete allerdings auf enge Grundsätze. Er war klein, nicht gerade häßlich, aber für die Rolle eines Schiffers auf dem Comersee der Ideale ziemlich ungeeignet. Michael Herz hatte stechende, ausdrucksvolle Au­gen, eine große Stirn, die an den Schläfen schon graue, auf dem Wirbel gar keine Haare mehr zeigte. Er trug zwar ei­tlen sehr großen modernen Bart, den er aber nur im ersten Jahre seiner Ehe mit einiger Sorgfalt behandelte, färbte und pflegte, später vernachlässigte und nur zuweilen noch, wenn die Schwicgerältern ein Diner gaben oder'das junge Paar ir­gendwo auSgcbcten war, zum Gegenstand philokomischer Stu­dien machte. Seine Gesichtszüge waren markirt, mager, schon mit Furchen durchzogen. Sein Gang, wenn er mit der Ci­garre auf sein in einem andern Theile der Stadt gelegenes Comptoir er hatte sich eine eigene Speculation fast mehr zur Unterhaltung als aus Bedürfniß zngelcgt wanderte, war von den Grazien verlassen und nur durch eine gewisse Sicherheit sich auszeichnend; Sicherheit war überhaupt der Charakter seines ganzen Wesens. Er war so sicher, daß er sogar Witz und Scharfsinn besaß. Er hatte die Welt schon malmichfach kennen gelernt und viel beobachtet. Michael Herz trieb Nationalökonomie, hohern Mercautilismus, Freihandel, Politik mit Leidenschaft und man würde ein himmelschreiendes Unrecht thun, wenn man ihn dabei einen Verächter des Schönen genannt hätte. In den Wissenschaften hatte er so­lide Grundlagen gelegt. Er las vielerlei in Morgenstunden und oft bis spät des Abends; am liebsten Englisch und Französisch. Der Geschmack seiner alten und neuen Freunde war nicht immer der [einige. Er lächelte Anfangs über die Schwärmerei seiner verlobten Braut, aber auch über die scherz- '

haften Einfälle der Oberflächlichkeit, die dem Witze auch Alles opfern wollte. Er ließ sich wohl die Späße munden, die auf der Börse am glücklichsten zufällig, minder glücklich pri- vilegirt gemacht werden, aber mit banalen Phrasen war doch nicht Alles bei ihm abgemacht. Michael Herz forschte den Quellen nach. Vieles, was auf der Börse bespöttelt wurde, erfüllte ihn mit Achtung, wenn er die Abneigung des Ge­schäftsmannes auch vollkommen theilte. Wir fürchten endlos zu werden, wenn wir fortfahreu wollten, alle diese Eigen­thümlichkeiten zu schildern. Nur die eine Eigenschaft wollen wir noch erwähnen, daß er in den ersten gröbern Umrissen seiner Toilette genau war, den Luxus der weißen Wäsche und die, wie Manche sagen könnten, Pedanterie der Reinlichkeit nie zum Exceß trieb und nur in der übrigen eleganten Toi­lette, in Westen, Halsbinden, Slips, Röcken und Paletots den Cyniker spielte.

Ein paar schwarze freilich englische doppelnähtige Hand­schuhe trug er oft mehrere Monate. Er pflegte überhaupt zu sägen:Ich war einige Jahre in Paris und London ein Elegant und habe daselbst die unsinnigsten Depenseu gemacht. Ich putzte mich'heraus, als wenn cs niemals Spiegel oder eine Antikensammlung im Louvre gegeben hätte. Ich bildete mir ein, mit neuen Cravatten, seidenen Westen, .Slipsen, Bur­nussen, Abdelkaders und troddelubehängten Paletots unwider­stehlich zu sein und merkte nicht, daß jede Grisette mir sagte, wie lächerlich ' ich war. Meine pygmäische Figur, mein con- fiscirtes Gesicht, meine Policinell-Manieren, nichts von Alle­dem ließ sich durch die Rechnungen der ersten Schneider und Modehändler verbessern. Ich glaubte für jährlich 3000 Francs ein Adonis zu sein und war nur komisch. Seitdem hab' ich diese Methode, Interesse zu erwecken, aufgegeben. Ich fing an, Eindruck zu machen, seitdem ich jeden Rock so lange trug, bis an den Aermelspitzen sich eine hellere Schattirung ein- stelltc. Meine Ehe fang' ich wahrscheinlich auch erst in die­sem Systeme der Adouisirung an. Komm' ich aber zu Leon« tincu zum Kaffee, in einem Schlafrock von blauem Sammet, mit gelben Schnüren und hängenden Troddeln, komm' ich mit einem türkischen Fez von rother Seide mit silbernen