Der Wanderer.
/EMetristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
49. Samstag den 26. Februar /«a.
Die Eurstauben.
N ovelle in drei Capiteln von Carl Gutzkow.
(Fortsetzung.)
Wie sich die Herzen dieser beiden Liebenden fanden, ist schwer zu sagen. DaS Barfußgäßchen liegt nur in seinen auf den Hohen Graben mündenden ersten Häusern so, daß Leontine die glühenden Blicke des Doctors hätte allenfalls am Leffengtwenden ihrer Lectüre unter den Blumen bemerken können. Die Hausnummer „drei" gab mit dem Hause ihres Laters schon einen stumpfen Winkel. Auch das Ausschütten der Geldsäcke im Parterre - Comptoir hatte den Doctor nicht begeistert. Er war zwar arm, sehr arm — sein guter Vater hatte in einer großen Hansestadt sich vom einfachen, einst mit einer Kaire hausirenden Büchertrödel mühevoll und mehr aus Liebe zu seinem gabenreichen Sodue, als aus eigenem Triebe nach Vervornehmung seiner Existenz, zum Besitzer einer „antiquarischen Buchhandlung" emporgeschwungen — aber materielle Berechnungen lagen ihm fern. Er hatte Philosophie studirt aus das Schöne und Wahre im Allgemeinen hin, in der Hoffnung, die deutsche Nation würde sich binnen Kurzem zu einem möglichst idealen und freien Leben entwickeln und von den Professoren der Aesthetik, die man bei Universitäten anstellt, keinen Taufschein mehr verlangen. Er hatte auch den andern Glauben an einen gewissen idealen Umschwung seiner eigenen Glaubensgenossen — Manche sprachen in diesem Betracht von Köhlerglauben — aber waren nicht große Geister der Wissenschaften und Künste aus dem Kreise, den er den Ghetto nannte, neuerdings hervorgegangen? Hatten nicht Heirathen stattgefunden selbst in den reichsten Familien mit Söhnen ärmerer, ja sogar in den orthodoxesten mit christlichen Söhnen und christlichen Töchtern? Ist nicht die Zeit angebrochen, dachte er, wo die Vorurtheile schwinden wollen, die Schranken unnatürlicher Zurückhaltung in allen Gebieten fallen? Und konnte es durch Beispiele anderer Art, die schon statthatten, nicht sanctionirt werden, daß der schöne, liebenswürdige, geistreiche und mit der Zeit auch berühmte Doctor der Philosophie Moritz Sancho die schöne Leontine Simonis, *
den Augapfel ihrer reichen Aeltern, wirklich heirathete? Auf diesen Glauben hin dichtete und liebte wenigstens der Eine und duldete seine Anbetung die Andere. Der junge Doctor war unbeschadet seines Vaters, der daheim mit der gangbarsten Schulbüchern handelte, in die vornehmere Gesellschaft seines Glaubens eingeführt und außerordentlich gern gesehen, namentlich von Madame Simonis, protegirt sogar vom Vater und von den Brüdern Leontinens. Alles hatte ihn lieb. Die Brüder berichteten ihm zuvorkommend, wie irgend über ihn eine ungünstige Recension zu lesen war. Der Doctor war nicht nur äußerlich dem Hause willkommen und ein Hebel des Werthes, den sich jedes Mitglied desselben selber zuschrieb, sondern Leontine liebte ihn auch. Sie erwiderte auf Bällen im Tanze seinen Händedruck, sie verrieth ihm die Thränen nicht, die ihr in "oas dunkle blaue Ange traten, wenn der Freund leise ein Gedicht in ihr Stickerei - Körbchen schob, sie duldete, daß er im raschen Benutzen einer günstigen Gelegenheit ihr die Hand küßte, diese Hand, die zuweilen selbst einen Vers versuchte, wenigstens Phantasiern in ihr Tagebuch niederschrieb und dann ihren Freund lesen ließ, was sie Alles von den Sternen, den Mondnächten und den Gondelfahrten auf dem Comersce träumte.
So verflossen einige Jahre des zartesten Scelenaustansches und Moritz Sancho hatte wohl ein Recht zu hoffen, diese Verbindung würde ihm die Muße schaffen, einst der deutschen Nation große, gereifte, gefeilte Werke anbieten zu können, ein Recht zu hoffen, er würde das höchste Dichterglück gewinnen, seine Muße gleich dicht nebenan im Zimmer in seinem angetranten Weibe zu besitzen, oder, wie er es seinem alten Vater in dessen Sprache ausdrücken mußte, eine gute Partie zu machen.
Ein heißer Sommer führte fast die ganze Familie des Herrn Simonis in ein Bad. Von dem Bade aus machte man noch eine Rheinreise. Als Leontine mit ihren Ettern zurückkehrte, hatte Moritz gerade die Absicht, einmal seinen alten Vater zu besuchen. So gab es eine Trennung von länger als einem Vierteljahre. Von einem Briefwechsel konnte natürlich keine Rede sein. Leontine hätte nimmer gewagt, eine