8er Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
Xr, 48.
Freitag den 23 Februar
1853«
Die Lurstauben.
Novelle in drei Capiteln von Carl Gutzkow.
Erstes Capitel.
Blumen und Blüten aus dem Ghetto.
Lea, oder wie sie gewöhnlicher genannt wurde, Leontine Simonis, war eine junge, reiche Und liebenswürdige Jüdin. Klein von Gestalt fesselte sie um so lebhafter durch die Zierlichkeit ihrer Formen und vorzugsweise durch die Anmuth ihrer fast immer lächelnden Gesichtszüge. Frisch von Farbe hoben sich die lieblich gerundeten Wangen. Die Nase von seltenem Ebenmaße und mit der kleinen gedankenvollen Stirn so in eine Linie verbunden, wie das Profil einer Griechin. Vom germanischen Stamme waren Leontinens Augen; blau, schwärmerisch, romantisch. Die Zähne untadelig und das Haar von einer Fülle, daß es, aufgelöst, wenn nicht die Fersen der kleinen Füße, doch die Kniee hätte erreichen können. Es gab in der Residenz Gestalten von einer beim ersten Anblicke eindrucksvollern Schönheit, Musterbilder des Wuchses und der Formvollendung, aber wenige von Leontinens einschmeichelndem Zauber im Gesammteindrucke. Und sie hatte auch den Namen dafür. Die junge Welt streifte am sogenannten Hohen Graben, dem Quartier der Banquiers, vor den Fenstern der „schönen Simonis", wie man sie nannte, mit allen Ausdrücken der Huldigung vorüber, die für ein meist unter hohen tropischen Pflanzen am Fenster stickendes oder lesendes junges Mädchen nur im Aufblicke gesunder oder in der Schärfung schwacher Augen durch vorwitzige Lorgnetten liegen kann. Dies war Leontinens äußere Erscheinung.
Nach ihrem Innern war sie Schwärmerin. Sie übte zuvörderst nur melancholische Musik. In Liedern ohne Worte, Reverieen und ähnlich benannten Tonstücken suchte sie ihre ganze unbestimmte Sehnsucht anszuhauchen. Sodann sprach die Poesie aller Nationen zu ihrem geistigen Ohre. Das waren die Engelzuugcn, während ihr leibliches nur zu sehr, wie sie sagte, mit den rauhen Tönen der Wirklichkeit belästigt wurde. Ihr Vater, Nathan Simonis, besaß die übliche praktische Lebensauffassung. Man konnte von ihm sagen, er hätte 1
des weisen Nathan Namen deßhalb gehabt, weil, wie der Derwisch sagt, seinem Volke eben der Reiche der Weise ist. Die Mutter, wenn sie mehr Bildung besessen hätte, würde das Leben schon mehr nach Leontinens Art gefaßt haben. Der prächtige Name, den sie ihrem Kinde statt des ursprünglichen Lea zugestanden hatte, war eine Huldigung der guten Frau an die Welt des Schönen, ein Akt der Anerkennung wenigstens für manche Sprachkenntnisse, die Madame Simonis aus ihrem Jugendunterrichte gerettet hatte. Leontinens Brüder, Vettern, Oheime freilich lebten nur unter materiellen Lebensbedingungen, Eisenbahnactien, Courszetteln, Bankausweisen; doch sorgte schon die Mutter dafür, daß diese Grundlagen ihrer zu größtem Vertrauen des Publicums behaupteten Namen nicht auch gar zu breit sich ansdehnen durften. Man ließ sich immer zwischendurch auch einmal auf geistige Fragen, Theater, Musik und die Lieder ohne Worte ein, doch leider immer mit einem so kühlen Tone, der der kleinen Leontine durch die Seele schnitt. Sie nannte diesen Ton „die kalte Verständigkeit und ihres Volkes Erbthcil".
Leontine Simonis war jene einsam träumende Palme aus dem Morgenlande ihres Lieblingsdichters Heinrich Heine, nur mit dem Unterschiede, daß sie selbst bereits tief im Lande der Fichtenbäume wohnte und unter dem scharfen Luftzuge des Nordens oft, wie sie wenigstens sagte unbeschreiblich frieren mußte.
Wir könnten für den Abstich, in dem Leontine Simonis gegen ihre Umgebung lebte, noch reichere und poetischere Citate geben, wenn wir die Sammlungen von Gedichten ausschlügen, die in einer Nebengasse des hohen Grabens, nämlich im Barfußgäßchen Nr. 3, zwei Treppen hoch, in Morgen- und Abendstunden auf sie gemacht wurden. Jhr^Sänger war ein junger Mann, der sie liebte. Er hieß von Hause aus Moses Sancho, doch nannte auch er sich Moritz. Moritz. Sancho, wie der Name zeigt, alten portugiesischen Erinnerungen augr- hörend, war etwas über fünf Jahre älter als Leontine, die bereits zwanzig zählte. Es ist und bleibt eine schöne Eiger»- thümlichkeit bei Leontinens Glaubensgenossen, daß sie junge Mädchen die Freiheit und Poesie ihres elterlichen Hauses nrög-