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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

Ur. 47.

Donnerstag den 24. Februar

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3Ue Geschichten.

Erzählungen eines alten Fiedlers.

(SchlußZ

Ich hatte inzwischen das große Segel und den Fock bei­gesetzt und die Schooten festgemacht, stand am Ruder und sah mir bedenklich Luft und See an. Die Sonne war nicht weit vom Untergehen und neben ihr, rechts gegen Westen, stand eine schwere Wolke, ans der die Blitze jäh hervorzuck­ten. Der Wind war ganz flau geworden, so daß wir nur langsam weiter gingen und das Kanonenboot, das nun auch los war, fast gar nicht von der Stelle kam. Und das Land gegenüber, obgleich eine gute Meile entfernt, schien uns so nahe, daß wir den Schatten der Bäume in der See sahen und schier glaubten, wir könnten mit der Hand hinübcrress chen. (Bei dieser Erscheinung ist ziemlich sicher auf ein bal­diges und schnelles Umspringen des Windes und des Wet­ters zu rechnen.) Die See war so glatt und lau wie Milch.

Halt da!" rief es uns nach.Hans," sprach ich, ohne darauf zu hören,nimm den Klüver herunter. Schau das Laud an. Bevor wir auf der Ecke sind, springt der Wind um, und dann haben wir mehr als wir brauchen."Ja," versetzte er und schaute sich um, die Mütze hatte er vorhin beim Lauf verloren, und die langen braunen Haare wehten ihm leise und lose um den heißen Kopf,ja, es sieht bös aus; aber den Klüver nehme ich nicht ab. Wir wollen schon aufpassen. Halte nur die Schooten los, Steffen. Wenn wir nur ein bischen Wind hätten! Pfeif' ihm, Steffen! Und nun komm, Peter, mein armer Kerl! Wie geht's dir jetzt? Schäm' dich nicht, du sichst ohne deine Stängc noch immer schmuck genug aus, und sie sollen dich noch gehörig honoriren!" Er setzte sich dann zu dem Thier und karessirte ihm.

Halt!" kam es dumpf mit dem Winde zu uns herüber und gleich darauf blitzte und knallte es und ein Vierundzwan- zigpfünder setzte keine zwei Faden von uns vorüber und machte Sätze vom Wasser wie ein Hase, nur ein bischen höher und weiter.Bah!" lachte er.Schießt und verknallt eure Munition! Aber das wird ernster als ich dachte. Kommt

denn gar kein Wind?"Er kommt!" sagte ich.Husch! Horch, wie es am Kiel spielt!" Und in der That plätscherten die Wellen lustiger am Spiegel, der Wind frischte sich, er kam von Süden und wir hatten ihn voll; wir schossen wacker vorwärts und kamen glücklich am Landsend' herum. Dann aber ward es todtenstill und wir gingen nur mit der geringen Fluthung der See. Da, während ich mich ausrich- tcte, um mich umzusehen, denn mir ward bange und der Himmel war fast schwefelfarben, und während Hans nach den Rudern langte, um uns nachzuhelfen, da knallte es wieder und über die. flache Landspitze daher kam die Kugel, streifte den Bord entlang und ich fühlte mich von einem Splitter hart am Knie getroffen. In demselben Augenblicke schrie Hans:Um Gotteswillcn, Steffen, die Schooten los! die Schooten los! Ein Hase! Ein Hase!" (Die plötzlich herein- brechenden und jäh vorüberschießenden sehr gefährlichen Wir­belwinde.)

Aber obgleich ich sie in der Hand hielt und sie halb be- sinnnngslosfahren ließ, war es doch bereits zu spät; es packte uns und wir kemiterten im gleichen Moment. Denn damit geht's nicht so, wie ihr es kennt, wie ihr gewohnt seid, zu handeln und zu denken, sein langsam und die Hände in den Taschen. Wenn ihr es auf eine Biertelmeile über die Wellen laufen und wirthschaften seht, ift's im Moment darauf schon bei euch, umtobt euch, die Masten brechen wie Glas, das Fahr­zeug wirbelt umher, schlägt um, der Kiel nach oben, und der Stoß ist längst über euch weg, bereits wieder eine Viertel- meile weit.

Als wir wieder auftauchten, war Hans mit dem Peter auf dem Arme neben mir.Adje Steffen"! rief er.Adje Welt. Kriegen thun sie uns doch nicht! Hurrah für Altenwyk"! Und so ging's mit uns hinab, denn schwimmen konnten wir beide nicht.

Wie ich davon kam, weiß ich nicht. Als ich meine fünf Sinne wieder sand, war ich an Bord des Kanonenbootes und das Bein entzwei. Sie setzten mich daheim ab, und da ging nun das Elend an, zuerst mit dem Alten, am andern Tag und von da ab Tag für Tag mit der Eva.