Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassamschc« Allgemeine« Zeitung.
». 33. Donnerstag den 10. Februar /«;,.
Musicalische Leiden und Freuden.
Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.
(Fortsetzung.)
Wirklich gefällt seine jugendliche Keckheit dem Publicum, die ersten Satze seines Concerts fesseln, die Zuhörer sind gespannt, den Solisten zu hören, für dessen Befähigung der Ruf des Pianisten bürgt. Peter setzt sich in Positur, der Kapellmeister sieht ihn an, er setzt richtig ein, er bläst — bläst — bläst — aber o Himmel! Ein schallendes, niederschmetterndes Gelächter von der olympischen Galerie, das sich lawinenartig zum dritten, zweiten, ersten Range fortpflanzt, in dem Parquct, im Paterre widerhallt und, als hättest du in Oberon's Horn gestoßen, das verstummende Orchester zu einem allgemeinen Veitstänze des Gelächters fortreißt! Was hatte er gethan? Was war ihm passirt? Unglückseliges Cla- rinektcnspiel! Die Clarinette überschlug sich in den Läufen, in den reizendsten Volaten seines vielgeliebten L-moU-Concerls, gurgelte sie in so sonderbarer, drolliger Weise, daß Peter selbst nicht wußte, sollte er vor Verzweiflung wie Loth's Gemahlin zur Salzsäule erstarren oder mit in das Gelächter einstimmen!
Durch das Haupt blitzt ihm der Gedanke an die Mündigkeit der Heit. Eine revolutionäre Geistesgegenwart überkommt ihn, er tritt zwei Schritte vorwärts, neigt sich über den Zuhörerraum uud das Auditorium verstummt erwartend. Und ehe der Pianist ihn von einer Thorheit abhalten, ehe das mißfällige Gemurmel der vornehmen Welt über diese unerhörte Dreistigkeit sich Bahn brechen kann, ertheilen ihm schon hundert Kehlen die Erlaubniß zum Reden und ein unsterblicher Humor regiert durch alle Tbeile des Hauses. Peter stottert und sucht sich zu fassen. „Es wird mir Jedermann bezeugen und namentlich die Herren vom Orchester-- nicht wahr, meine Herren"? ruft sein sanftes Gemüth.
Ja wohl, ja wohl! antwortete das Orchester, beinahe von Lachlust übermannt.
Daß, wenn das Blatt einer Clarinette zu lose ist, die Clarinette sich nothwendigerweise überschlagen muß —
Ja wohl! Ja wohl! ruft das Orchester.
Ja wohl! hallt es hundertstimmig im Zuhörerraume wider.
Wenn sich das verehrungswürdige Auditorium wenige Minnien gedulden will, werde ich dem Uebelstande sofort ab- helfen---
Die Zustimmung erfolgt von dem terroristischen Berge und Peter macht sich mit vielem Eifer an seine Arbeit. Er schraubt, wickelt, dreht, bespeit, umwindet das Blatt und macht endlich, mitten unter dem Jubel des über diese komischen Bewegungen lachenden Publicums, wieder eine Verbeugung an den Lampen. Das Orchester beginnt von neuem, der Kapellmeister winkt, Peter setzt ein und diesmal ist das Blatt der Clarinette nicht zu lose. Er pustet, er bläst sich auf, er steht aus wie ein fabelhafter, purpurrother Frosch, der eben bersten wjll — umsonst, das Gelächter über die komische Erscheinung tobt nun einmal doch unter den Zuhörern, ergreift den boshaften, rachedürstenden ersten Rang, rührt das mit' leidige Orchester bis zn Thränen und zwingt selbst dem Pianisten ein Lächeln ab, das zwischen Scham und innigem Bedauern schwankt.
Verloren! flüstert Peter'n hämisch sein böser Genius zu und er läßt die Hände sinken.
Clärchen! ermulhigt ihn sein Schutzgeist und rasch tritt er wieder an den Rand des Orchesters. Aber Scharreu, Zischen, Murren unter den Zuhörern empfängt ihn. Vor, hinter, neben sich hört er das Hohngelächter der Hölle toben und rennt wie ein Besessener von der Bühne, aus dem Hause durch die Straßen. Alle seine Pläne sind zerstoben, seine Hoffnungen vernichtet, Clärchen lacht mit unter den Spottenden. Armer Peter van Petrissen! Brennt's wo, brennt's wo? laufen die Straßenjungen ihm nach. Ja! es brennt in seinem Herzen eine tiefe, unauslöschliche Scham. Es worein Opfer des Instruments, das er einst gewählt hatte, seiner geliebten Clarinette.
Siebentes und letztes Capitel.
Aber die Herzen bewähren sich.
Drei Jahre sind nach jenem unglücklichen Abend vergangen und der Sommer neigt sich eben .seinem Ende zu. * Es ist ein lieblicher, milder Abend; die Sträucher eines lei-