Der Wanderer.
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KMMsches Beiblatt zur Nassamsch» Allgemeinen Mang.
3f. 31. Mittwoch den 9. Februar /«rs.
Mukca tische Leiden und Freuden. Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.
(Fortsetzung.)
Eine ungewöhnlich: Aufregung zeigte sich aber in dem Publicum unsers Pianisten an jenem bewegten -Abend. Der Adel war zahlreich in den Logen vertreten; er wollte seine Theilnahmlosigkcit für die Revolution beweisen. Die Großhändler führten ihre Familien in den ersten Rang und überstrahlten durch Pomp und Pracht die Aristokratie der Geburt; sie wollten der Welt zeigen, daß alle Verluste, die ihnen durch den plötzlichen Fall der Curse erwüchsen, ihren Reichthum nicht zu erschüttern vermöchten. Das Parquet war gefüllt von anspruchsloser» Familien, jungen Künstlern, Gelehrten, alle andern Staunte wurden bis zum letzten Platz der Galerie in seinen verschiedenen Nüanccn vom Volke besetzt, das in der allgemeinen fieberhaften Aufregung das öffentliche Schauspielhaus für eine Bühne des großen politischen Dramas ansah. Offenbar war es der ersten Rangloge mit der Schaustellung ihrer Gefühle nicht rechter Ernst; sie protestirte gegen das Vorhandensein einer Revolution; aber ihr Herz schlug doch unter dem eleganten Vorhänge, hinter den Coulissen der Etikette und des guten Tons. Die ungewöhnliche Theilnahme aller Stände an diesem Concerte war ein schlagender Beweis, daß die ganze moralische, politische, sociale Welt, ja auch die gesellige und die künstlerische in das Stadium der Revolution getreten. Ja! Mynheer Peter van Petriffen, der von den Welthändeln keine Ahnung hatte, würde keinen Anstand genommen haben, zu behaupten, daß die meuterische Rotte der „Polen, Juden und Franzosen" bis in die geheimsten Winkel seines Herzens und seines Hirnkämincrchens auch eingedrungen wäre, daß daselbst eine weit verzweigte Verschwörung', in die selbst Möpse verwickelt wären, angezettelt — kurz! daß alle Begriffe von moralischer Weltordnung seit gestern vollständig auf den Kopf gestellt wären.
Flüstern und Zischeln in den Logen des ersten Rangs, allgemeines Gemurmel im Parquet, lautes vielstimmiges Gespräch in den höhern olympischen Regionen vom zweite»
Range aufwärts zu der Galerie. Bewegung unter den gespannten Zuhörern, Bewegung unter den gespannten Saiten, die in ihrer conservativen Stimmung nachgelassen haben, Klagelaute der Geigen und Bässe, die eine geübte Meisterhand an den Ohren schraubt, chaotisches Gemenge der unar- ticulirten Laute, die jeder Musikliebhaber aus seiner Concertpraxis genugsam kennen wird, endlich ein zischendes, allgemeiner werdendes Gebot des Schweiges, dem sich die meisten Stimmen fügen — und unter dem Getuschel und Gewisper des ersten Rangs beginnt die Ouvertüre zur Zauberflöte.
Die Aufmerksamkeit ist im Allgemeinen gespannter, als sich erwarten läßt; eine höhere Seelenstimmung gibt sich den Eindrücken der Kunst hin, der echten, wahren Kunst, die mit den Sympathieen des Volks viel gemein hat, und drei Viertheile der Ouvertüre sind an dem Taktstock des Kapellmeisters vorübergegangen. Da erhebt sich eine leise Bewegung im zweiten Range, die sich fortpflanzt, wie, von einem plötzlichen Windhauch getrieben, eine Woge rauschend sich zur andern bewegt. Ein • gewisser Anstand läßt die Unruhe nicht zum offenen Ausbruche kommen; aber auch das Orchester wird von ihr ergriffen, der Kapellmeister nimmt ein schnelleres Tempo, um nicht unterbrochen zu werden, und eine Menge von Schnitzern abgerechnet, die vielleicht nur Peter's selbstvergessenes, argloses Herz empfindet, wird das Ende des Tonstücks glücklich erreicht.
Man applaudirtc. . . .
Hier wird ums Wort gebeten! ruft ein Dutzend Stimmen im zweiten Range. Die Logen zischen, das Parquet sucht den Frieden durch ein energisches Stampfen mit den Füßen herzustellen, obgleich sich in seinem Schoose viele oppositionelle Stimmen hören ließen.
Reden! ruft es aus hundert Kehlen zu gleicher Zeit und vor den Willensäußerungen des Volks schweigt die Opposition.
Auf den Kronleuchter mit dem Redner! ruft ein Witzbold von der Galerie; und einige Freunde des Humors versuchen in ein Gelächter auszubrechen.
Man las die neuesten Pariser Nachrichten vor und das