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Der Wanderer

Tr. 29.

Kcllctristisches Beiblatt jur

Allgemeinen Zeitung.

Ionnerstai; Sen 3. Februar

/«LS.

ter eben im Begriffe, eine angefangene Komposition dem Feuer zu übergeben. Das Blatt fiel ihm aus den Händen, als er den alten Organisten eintreten sah. Er stürzte auf ihn los. Dieser aber sah ihn so ernst und durchbohrend an, daß er zurückprallte und wie ein entlarvter Verbrecher Kopf und Hände sinken ließ.

Der Organist stand sprachlos an der Thür und deutete auf das Notenblatt am Boden.

Peter! brachte er endlich heraus, ich lese in deiner Seele; dn wolltest ein Verbrechen begehen?

Ein Verbrechen? rief Peter erstaunt und nicht recht sicher, i ob er nicht wirklich eine unbekannte Unthat begangen.

Reich mir das Blatt, Peter! antwortete der Lehrer.

Nein, nein! bat Peter. . . .

Reich mir das Blatt, begann der Organist mit erhobener Stimme, nahm das Blatt und schmerzlich bewegt, tadelte er den Jüngling sanft:

Peter, du gehst sehr rücksichtslos mit den Hoffnungen deines alten Freundes um! ... Und ehe dieser eine Ent­schuldigung vorbringen konnte, ließ er ihn stehen wie einen Delinquenten, der von dem Nachrichter den Todesstreich er­wartet. . . . Aber sein Antlitz klärte sich plötzlich auf, Thrä­nen der Freude leuchteten in seinem Auge und das Noten­blatt hoch in einer Hand erhebend sprang er auf seinen jun­gen Freund zu, umarmte ihn mit der andern und nannte ihn einen Teufelsjungen über den andern, der nicht werth sei, solche Gedanken zu haben, weil er eS gewagt habe, sie auch nur verbrennen zn wollen. Unb die Beiden waren nun so ganz glücklich und vergaßen miteinander die Leiden, denen der Künstler in seinem Erdcnwallen nicht ans dem Wege gehen kaun.

Es gab aber auch Untersuchungen des Herzens. Peter gestand seine Sehnsucht, nach klärchen^ Und der Alte rief: Ja, ja! War das nicht Unschuldige, tändelnde Liebe in deiner Komposition, das E-moIl der schmerzlosen Thränen, der lei­sen, wehmüthigen Klage, des reinen selbstlosen Kummers, war das nicht der weiche, warme Frühlingsgruß der Liebe; lag { sie nicht im Hintergründe, als deine Melodie nach C-dur ft

Muficalische Leiden und Freuden. Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.

(Fortsetzung.)

Bald summte Petern eine leichte, liebliche Melodie in den Ohren, bald stieg sein Herz mit der melodischen Flut empor und glänzte in der Luft, tausendfältig gebrochen von den Licht­reflexen; wieder kehrte der Strahl in sein Bassin zurück und der junge Künstler schaute hinein und sah nur sein Antlitz darin erglänzen, das ihm seit Jahrzehnten jeder Spiegel zei­gen konnte. Bald gingen ihm Harmoniken im bunten Nei­gen durch die Seele, maskirte Gestalten, die sich umschlangen j und tanzten, hin und her in einem bunten und doch geord­neten Wechsel sich bewegten--er hielt sie fest, er führte sie an die Lageshelic seiner musikalischen Werkstatt, aus dem propl)etischen Dunkel seiner Phantasie, sie höhnten ihn, warfen ihre Masken ab, die Rosahütchen, die blonden Locken ach, es waren alte, gebrechliche Wesen, zahnlose Hexen, die irgend ein Teufelsspuk zu einem Balle maskirt halte! Armer van Petrissen, deine Schöpfungen wanderten ins Feuer, wie so mancher schöne Strom im Sande verrauscht, manches Lied ungehört im Busen stirbt, manche Nachtigall von der Katze gefressen wird! In der Welt ist Alles eitel.

Woher kam es denn aber, daß Peters Noten so oft rosa- seidene Hütchen trugen? Sollte er wirklich eine Liebe zn Clärcheu im Herzen getragen haben? Gewiß ahnte er nichts davon, aber gewiß dachte er anch oft genug an Jufrow Amst- raaten. Vielleicht hätte er sie allmälig vergessen, wenn ihm gelungen wäre, ein Tonbild zu schaffen, das diese Augen batte, dieses liebliche Silberstimmchen, das aus einer halb­offenen Olofe flüsterte. Vielleicht wäre ihm ein solches Lied gelungen, wenn die liebliche Clara leiblich zu ihm getreten wäre und hätte ihm gesagt: Peter, sei kein Hasenfuß! Ich weiß, du liebst mich doch! Und sie hätten zusammen gelacht und sich geherzt uud Peter hätte seine Melodieen aus Clär- chens Auge abgeschrieben.

Da kam eines Tages der alte Cantor nach Gent zum Besuch. In einer seiner gewöhnlichen Stimmungen war Pe­