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Der Wanderer.

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Kelletristisches Beiblatt ;ur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

H,-. 28.

Mittwoch den 2. Februar

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Goldkörnlein der Wahrheit stäke, das man in lorberumwun­denen Häuptern vergeblich suche.

Natürlich erzählte ihm Peter Alles mit der größten Of­fenheit, ja er verschwieg ihm nicht, daß Mynheer Amstraaten ein Enkelchen hätte, ein Kind mit langen blonden Locken und blauen Augen, ein gar, gar lieb Ding, das immer vor dem alten Spinett hockte, wenn er spielte und daß er eigent­lich nicht begriffe, warum er früher dem Klaviere so wenig Gefallen abgewonnen hätte, da es im Ganzen genommen doch ein höchst anziehendes Instrument wäre und zu Jungfer Clär- chen's Stimme sich gar zu hübsch ausnähme. . . .

Der Organist war höchst glücklich über Peters Sinnes­änderung und schrieb ihm einen langen, lehrreichen Brief über das Klavier und mahnte ihn, in dem Studium der Orgel nicht nachzulassen. Obgleich aber Peter keine ganz geringe Fertigkeit auf derselben besaß, fand er doch die Orgel weniger anziehend und theilte Jungfer oder Jusrow klärchen dies Bedenken mit, worauf sie ihm seine Undankbarkeit gegen sei­nen Wohlthäter verwies.

Von Stund an ging er in sich und widmete sich eifrigst auch diesen Studien und dem Studium Clärchens. Wenn Myfrow Amstraaten den Theetopf auf das Kohlenbecken setzte und Jufrow Klärchen mit Hut und Umschlagtuch sich zu ihrem gewohnten Besuche einstellte, welche Freude für ihn I Mit 14% Jahren war Jufrow Klärchen so weit ausgebildet, daß sie ein allerliebstes Rosahütchen und neues Umschlagtuch besaß und und täglicher Gast bei unserm liebenswürdigen, alten, einsa­men Ehepaare wurde, so weit, daß es Peter nicht ungern sah, wenn sie das Hütchen abnahm und die langen blonden Locken ihr rebellisch über die Schultern fielen und wenn sie errathend die blauen Augen senkte oder den weißen Nacken aus der Hülle des Umschlagetuchs befreite. Ach! Er saß oft vor dem Spinett und begleitete Klärchen's Gesang; Klärchen, von dem langen Stehen ermüdet, legte dann leise ihre Hand auf Pe­ters Schulter und eS fanden sich in der Begleitung dann wohl allerlei neugierige, unberufene Noten ein. Clärchens Hand war gewiß nicht so groß, daß sie durch ihr lastendes Gewicht I die falschen Noten verschuldete und das liebe Mädchen lachte

Mustcalische Leiden und Freuden.

Humoristische Novelle in so und so viel Capiteln.

(Fortsetzung.)

Viertes Kapitel.

Weltgewühl und Dachstube.

Eine alte Stadt, eine alte Straße, ein altes Haus, ein altes grauhaariges, kopfwackelndes, wohlbeleibtes Pärchen als Wirthsleute, das sich Anstands halber sogleich auf der Clari- nette vorspielen ließ; eine alte grauhaarige, wohlbeleibte Magd, die bei dem Spiele vergaß, daß Mynheer Hunger haben dürfte, ein alter asthmatischer, grauköpfiger Mops, der sich so­fort herabließ, in ein furchtbares Geheul auszubrechen-- das waren Peter's erste Eindrücke aus der großen Welt. Die Freude, ein paar Nothpfennige von seinem alten Cantor im Rocke zu finden, hatte er schon früher gehabt.

Peter ging mit Eifer an seine Studien. Durch sein fleißiges, gesittetes Betragen, durch seinen unerschütterlichen Humor hatte er bald die Herzen seines Wirths, des Mynheer Amstraaten, erobert bis auf den Mops, auf den die Clan- nette dieselbe Wirkung hervorbrachte, wie der Vollmond. Er pflegte beide ununterbrochen anzubellen und nur wenn Peter ohne Klarinette erschien, schlug er in gemessenem Takte einige Male mit dem Schweif an die Stuhllehne, was das einzige Zeichen seiner Zufriedenheit war.

Und einige Jahre vergingen so. . Peter hatte seine re­gelmäßigen Tage im Wochenkaleuder, wo er besser speiste, bezahlte regelmäßig seine Unterrichtsstunden und lebte von der Musik und den Vietualien, die Mynheer van Petrissen der Keltere mit den Traditionen seiner Familie in Einklang brin­gen konnte. Der Lehrer leitete und überwachte auch aus der Ferne seine musicalische Ausbildung, correspondirte mit Peter's Lehrern und mit seinem Freunde selbst, von dem er eine ge­naue Schilderung seines Thuns und Treibens alle vierzehn Tage erwartete. Er selbst schrieb ihm dann wieder seine Meinungen darüber und Peter gewann die immer festere Ueberzeugung, daß in dem schlichten, ehrlichen Manne manches